Eine Spaziergang durch Isfahan

Als ich in Isfahan ankomme beginnt eine dreitägige Phase der Unruhe und der Rastlosigkeit. Ich weiß nicht genau, wo es hergekommen ist. Es ist das Bedürfnis nach Ruhe, aber auch nach Sortieren. Die Gedanken und Erfahrungen aufschreiben, einordnen. Ich verbringe einige Stunden in meinem Hotelzimmer, es scheint trotzdem nicht genug. Einige Sachen kann ich endlich erledigen, andere bleiben weiterhin liegen. Ich habe eine ruhige Nacht. Ich freue mich auf den ersten Entdeckertag für mich seit ich im Iran bin.

Am nächsten Tag mache ich also einen ersten Spaziergang um mein türkisches Geld umzutauschen. Nach einer kleinen Schnitzeljagd finde ich endlich eine Bank die Geld wechselt. Der Beamte spricht sehr gutes Englisch und nachdem wir eine Weile über den Wechselkurs diskutieren ruft er einen Freund an, der mir das Geld wechseln wird. Er sagt, der Wechselkurs der Bank wäre zu hoch und ich würde wo anders mehr Geld bekommen. Vermutlich eine weitere Sache, die man in Deutschland so nicht erleben würde. Gesagt getan, kurze Zeit später habe ich meine gesamten Finanzen für die nächsten drei bis vier Wochen an mir (ca. 180 €). Ich trage meinen Rucksack also vorzugsweise auf dem Bauch.

Denn im Iran gibt es für Touristen keine Möglichkeit Geld abzuheben. Deswegen muss man vorher eine Ladung Cash abheben, oder alles im Voraus buchen. Ich freue mich über den netten Bankbeamten und wetze zurück zum Hotel um mein Zimmer zu bezahlen. Dann widme ich mich den Sehenswürdigkeiten der Stadt. Direkt ins Auge sticht der Imam Square, an den zwei Moscheen und ein Palast angegliedert sind. Während ich mich durch die Mengen an iranischen Touristen wühle, die um das Neujahrsfest aus dem ganzen Iran anreisen, tritt ein weißhaariger Mann neben mich. Seine stechenden blauen Augen bekräftigen die Frage, wo ich hinmöchte. Er ist ein pensionierter Englischlehrer und ist auf eine schweigsame Art herzlich. Er zeigt mir einen Platz wo ich günstiges, leckeres Essen bekomme und unsere Wege trennen sich. Ich bestelle Kebab und nachdem ich bestellt habe werde ich vor einem klapprigen Fahrstuhl abgestellt.

Kebab ist ein unglaublich vielseitiges Gericht. In der Türkei sowie im Iran gibt es viele verschiedene Arten von Kebab, da das Wort Kebab erst einmal nur „über dem Feuer gebraten“ heißt. Dabei kann es sich also um alles mögliche handeln. Ich wundere mich, warum ich in Deutschland nie darauf gekommen bin nach der Bedeutung von Döner oder Kebab zu fragen.

Der Fahrstuhl zockelt kurz darauf mit fünf weiteren Gästen in die nächste Etage. Dort erstreckt sich das Restaurant ausgiebig auf eine größere Fläche, die sich von unten nicht erahnen lässt. Es gibt einige kreisförmig angeordneten Holzpodeste auf denen sich mehrköpfige Familien breit gemacht haben. Da es im Iran üblich ist auf dem Boden zu essen wird auch mir ein Podest zugewiesen. Ich genieße ruhig meinen Kebab mit Brot und dem Basilikumsalat, als mich ein Mädchen vom Podest nebenan auf Englisch anspricht. Sie heißt mich im Iran willkommen und möchte wissen woher ich bin. Nach einer kurzen Konversation bittet sie mich um einen Selfie mit ihr.

Nach dem Essen schlendere ich wohlig gefüllt über den Imam Square. Es gibt Pferdekutschen, vor denen man sich lieber in Acht nimmt. Außerdem Massen von fotografierenden Touristen.

Der Platz ist sehr schön, besonders der Stil der Moscheen gefällt mir sehr gut. Er ist geprägt von türkiser Farbe und schnörkeligen Mustern.

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Nach der ersten Erkundungsrunde mache ich mich auf den Weg in Richtung des Flusses. Von da aus werde ich den Weg zur Vank Church suchen. Dort in der Nähe arbeitet ein Couchsurfer, mit dem ich mich unterhalten möchte.

Im Basar, der den gesamten Platz umgibt spricht mich ein alter Mann an: „Man könnte ja denken, dass du einen Schatz in deinem Rucksack hast, so wie du ihn trägst.“ Er ist so groß wie ich, hat weiße Haare und spricht wirklich gutes Deutsch. Ich lache, falte meine Hände über meinem Rucksack und wir starten einen langen Spaziergang. Er erzählt mir von seiner Familie, seinen beiden Söhnen und seinem Wunsch nach einer Tochter. Er sagt im Iran sind die Töchter Blumen und die Söhne Bäume. Außerdem erzählt er mir von den Sanktionen, die vielen Menschen das Leben schwer machen. Er arbeitet nicht mehr und seine Frau ist über das Neujahrsfest nach Ahvraz gefahren, deswegen ist er jetzt alleine zu Hause. Wenn seine Frau zu Hause wäre, würde er mich zu einem Abendessen einladen. Er ist ein lustiger Kauz und ist ein unterhaltsamer Weggefährte. Wir haben den Fluss erreicht, der extra für Norouz geflutet wurde. Eigentlich ist gerade Wassernot und in natürlichem Zustand wäre der Fluss nur ein leeres Bett. Auf der glatten Wasseroberfläche gondeln kleine Tretboote, es ist ein buntes Treiben. Vor der historischen Brücke, die sich über den Fluss erstreckt ist ein großes Podest aufgebaut. Es ist wegen Neujahr. Auf dem Podest werden verschiedene essbare und nicht essbare Dinge drapiert, die im zoroastrischen Glauben eine große Rolle spielen. Wir überqueren langsam die Brücke der 33 Bögen, die den bewässerten Teil des Flusses von dem ausgetrockneten Teil trennt.

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Er sagt, seit den 90er Jahren hätte sich hier im Iran viel verändert. Während wir auf einer hölzernen Bank in einem Park am Fluss platznehmen erzählt er mir, dass früher Leute die wie wir auf dieser Bank sitzen würden, nach ihrer Beziehung befragt würden. Die Sittenpolizei würde dann die Eltern kontaktiert und die Angaben überprüfen. Warum das heute nicht mehr geschehe? Die Polizei sei müde geworden. Es koste zu viel Zeit und erfordere zu viel Aufwand. Sehr verständlich.

Er erzählt mir, dass sich auch im Privaten viel verändert hätte. Er behauptet, dass die meisten Frauen im Iran die sich in einer Beziehung befinden auch Sex mit ihren Freunden haben. Das hätte früher nicht funktioniert.

Über das Thema Sexualität und Heiraten laufen mir während der Reise noch einige andere Meinungen über den Weg, die ich in einem eigenen Text mal zusammentragen möchte.

Er ist jedenfalls ein angenehmer und lustiger Wegbegleiter. Er nennt sich meinen alten Bodyguard. Wir laufen bis zur Kirche und er hilft mir den Teppichladen zu finden. Dort verabschieden wir uns mit warmem Handschlag.

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