Yasin – oder, was Couchsurfing nicht sein sollte (Couchsurfing Fail No. 1)

Am Montag den 14. März ziehe ich bei Basak aus und ziehe bei meinem neuen Host ein. Er hat scheinbar einige Beziehungen zu Deutschland, schreibt gerade an der Uni Flensburg seine Masterarbeit und hat beschlossen sie in Istanbul bei seiner Familie zu schreiben. Er hat so gut wie keine Referenzen.

Wir treffen uns an einer Metrostation in der Nähe von Osmanbey, wo Murat gewohnt hat. Von dort aus holt er mich mit dem Taksi ab. Alle fahren hier Taxi! Es gibt zwar auch einige Busse, aber je weiter man raus kommt, desto schlechter wird die Anbindung. Wir unterhalten uns sehr nett, sprechen über sein Studium und seine Masterarbeit.

Seine Wohnung ist sehr sauber, er wohnt zur Zeit in der alten Wohnung seiner Großmutter, da diese kürzlich verstorben ist. Er ist wirklich sehr freundlich und lässt mich in seinem eigenen Zimmer schlafen, während er selbst im Gästezimmer schläft. Nachdem ich mich kurz sortiere, machen wir uns auf die Socken in ein Restaurant. Dort probiere ich das erste Mal Mantı, ein türkisches Gericht, das aus kleinen knusprigen Teigtaschen besteht, die man zusammen mit einer Soße zu sich nimmt.

Danach nimmt mich Yasin mit in ein Café wo man gemütlich Tee trinken kann (es ist das Café, wo mich auch Ali später hin mitnehmen wird).

Unsere Gespräche kreisen sich um Religion, seine ehemalige Beziehung und meinen Beziehungsstatus. Einen kurzen Moment zögere ich, dann entscheide ich mich dafür einen Freund zu erfinden. Seine Miene entgleitet und im anschließenden Spaziergang zur nächsten Bar, erscheint er mir etwas distanzierter.

Wir sind in der Bar und ich entscheide mich die Karten demnächst auf den Tisch zu legen. Er gibt mir eine Steilvorlage indem er mich fragt: „Was denkst du über mich?“

Ich sage ihm, dass ich das Gefühl habe, dass er distanzierter ist, seit er weiß dass ich einen Freund habe. Er lacht, setzt sich neben mich und bejaht. Er fragt mich dämliche Fragen, ob ich es ernst meinen würde mit meinem Freund, ob ich mir denn nicht eine Affäre vorstellen könnte, solche Sachen. Ich sage ihm, dass ich das nicht möchte und dass ich keinerlei Intentionen habe, mehr von Yasin zu wollen. Er sagt, „well I’m a straight male guy“. Blablabla.

Ich kann mir das nicht anhören. Als wäre es offensichtlich gewesen, dass er diese Erwartungen hat. Als könnte man nicht mehr Selbstkontrolle und Reflexionsvermögen von einem männlichen Menschen in der Blüte seiner Jahre erwarten. Als könnte er ja auch nichts dafür, dass er so lange keinen Sex mehr hatte.

Ich habe in meinem Couchsurfing-Request ausdrücklich geschrieben: „no adventures“. Und trotzdem hat sich dieser Kerl Hoffnungen gemacht. Und auch nach einem einfachen Nein, möchte er noch weiter mit mir diskutieren. Was wäre denn, wenn ich keinen Freund hätte? Möchte ich nur nichts mit ihm anfangen, weil ich ihn nicht attraktiv finde? Warum finde ich ihn nicht attraktiv?

Einfach nur nervig. Es ist nicht mal so, dass ich das ekelhaft finde. Immerhin ist er ehrlich. Ich finde es allerdings a) respektlos mir gegenüber mein Nein nicht zu akzeptieren und b) einfach dumm, weil ich im Vorhinein versucht habe diese Situation zu vermeiden. Hat ja super geklappt.

Er sagt mir, wenn ich auf keinen Fall etwas mit ihm anfangen werde, dann ist es ihm lieber, ich würde mir einen anderen Host suchen. Er hat gerade gar nicht so viel Zeit. Und er hat auch gerade gar kein Geld. Seiner Großmutter geht es auch gerade nicht so gut. Sein Hamster hat Magenkrämpfe und er wollte morgen Staubsaugen. Die Liste von dämlichen Gründen, die man vorher hätte erwägen können lässt sich beliebig fortsetzen.

Ich poste also direkt eine Nachricht in der Istanbul-Last-Minute-Group mit einer kristallklaren Kampfansage an Sexsurfing:

Looking for the rare host who would like to have a nice time with a German person, without implying any sexual or intimate interactions .. I really enjoy intellectual conversations & honest discussions… And already had frustrations with previous hosts about sexual expectations !!!

Die Atmosphäre des Abends ist somit zerstört, wir nippen an unserem Bier, Yasin geht alle zwei Minuten für 15 Minuten vor die Tür zum Rauchen und ich beginne mir neue Hosts zu suchen. Vor der Tür der Bar wird es unruhig. Scheinbar gab es auf dem Taksim-Square Demonstrationen, die sich die İstiklal Caddesi herunterziehen.

Durchnässte Menschen betreten die Bar. Regnet es draußen oder setzt die Polizei Wasserwerfer ein? Es entsteht Unruhe, niemand weiß, was da draußen los ist.

In einem ruhigen Moment verlassen Yasin und ich die Bar, steigen in ein Taxi und fahren nach Hause.

Ich habe kein Problem damit, diese eine Nacht bei ihm zu schlafen. Ich schätze ihn nicht als eine gefährliche Person ein. Er hat mich in keiner Weise bedroht oder machte einen gefährlichen Eindruck. Obwohl mich sein Verhalten unendlich nervt, ist er trotzdem eine freundliche Person. Er fragt mich noch, ob ich ihm jetzt eine schlechte Referenz schreibe, ich verneine.

Natürlich schreibe ich diesem Kerl eine schlechte Referenz! Die Referenzen sind dazu da, andere Surfer_innen vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren, dass sich hätte vermeiden lassen können.

Die Referenz fällt sogar sehr differenziert aus, trotzdem schreibt er mir kurz darauf wutentbrannt in Whatsapp. Ich solle zur Hölle gehen. Danach löscht er sein Profil und blockt mich auf Whatsapp.

Alles wieder in bester Ordnung.

Basak – oder, was Couchsurfing sein kann.

Couchsurfing bedeutet, im freien Fall des Reisens in das Leben einer fremden Person zu purzeln. Man betritt das Zimmer, lernt die Mitbewohner kennen, verbringt gemeinsame Abende mit einander. Was macht und beschäftigt die Person?

Man lernt Freunde, vielleicht sogar Verwandte kennen, man bespricht die Themen, die gerade im Zentrum der Gedanken sind. Und nach einigen Tagen, purzelt man wieder heraus.

Ich stehe vor einem großen Hotel an der Metrostation Osmanbey in Istanbul und fühle mich ein bisschen wie bei einem Blinddate. Dieses Gefühl ist mir schon früher aufgefallen, wenn man seinen Couchsurfinghost das erste Mal in „real-life“ trifft. Man kennt wenige Bilder, hat einen leichten Eindruck von vereinzeltem hin und her schreiben, doch wie die Person dann tatsächlich auftritt ist ungewiss.

Er erscheint mit einer Freundin an der Hand. Ihr Name ist Derya und er ist so wie ich ihn mir vorgestellt habe und dann auch wieder gar nicht. Er ist etwas kleiner, hat aber eine sehr sympathische, entschiedene Art an sich. Wir müssen uns jetzt etwas beeilen, denn nachdem ich meine Sachen bei ihm abgelegt habe, muss er zurück zu seinem Mathekurs. Während wir uns über die unebenen Bodenplatten, die steile Straße hochschieben werden erste Pläne geschmiedet und sich etwas kennengelernt. Der Bürgersteig ist schmal und während wir uns an all den wandernden Leuchtreklamen vorbeidrücken, ist es unmöglich mit drei Menschen neben einander her zu laufen.

Derya studiert Chemieingenieurwesen, Basak hat französische Literatur studiert. In seiner kleinen Wohnung werfe ich meinen Rucksack ab und wir machen uns direkt wieder auf in Richtung der Fährstation, wo Basaks Kurs stattfindet. Wir sprechen über den Freiwilligendienst auf Lesvos, er findet das nobel und sagt er wäre dafür zu egoistisch.

Nachdem wir Basak zu seinem Kurs gebracht haben, machen Derya und ich uns alleine auf die Socken in eine Bar. Wir trinken türkisches Bier zusammen und sie erzählt mir von der jungen Geschichte zwischen ihr und Basak, die scheinbar erst seit einer Woche läuft. Sie haben sich halb über Tinder kennengelernt, aber eigentlich über Instagram. Sie wohnt allerdings noch bei ihren Eltern, die sie zwischendurch anrufen und ihr sagen, sie solle bitte nicht so spät nach Hause kommen. Bald bricht sie nach Hause auf und ich beginne durch das umliegende Viertel zu streifen.

Basak und ich haben später einen Treffpunkt ausgemacht, als sein Kurs jedoch früher zu Ende ist und ich es zu spät mitbekomme, hinterlässt er mir detaillierte Anweisungen, wie ich diese Bar finden kann, die sich auf der asiatischen Seite von Istanbul, in Kadikoy, befindet.

Zunächst nehme ich die Fähre. Der Anblick der erleuchteten Stadt ist wirklich umwerfend, die Reise jedoch nur kurz. Leider muss ich nach einer halben Stunde verwirrtem Herumirren feststellen, dass ich im falschen Viertel gelandet bin, dabei hab ich den Typ an der Kasse doch noch gefragt! Der war wohl auch etwas verwirrt.

Ich nehme also einen Bus ins richtige Viertel.

Dort versuche ich erfolglos Geld abzuheben, was meine Frustration dann doch auf ein erhebliches Maß ansteigen lässt. Ich habe Hunger, bin erschöpft von der Reise heute und die Beschreibung zur Bar wo ich Basak treffen will ist doch nicht so detailliert wir ich dachte. Als Anhaltspunkt hatte er mir jedoch einen großen Bullen genannt, den ich schlussendlich dann doch finde. Zwei Jungs im McDonalds errichten einen Hotspot für mich und ich kann Basak über WhatsApp bitten, mich doch bitte bei dem Bullen abzuholen.

Zehn Minuten später haben wir es endlich geschafft, ich umarme ihn erleichtert und gemeinsam laufen wir zur Bar. Er ist enthusiastisch und auch schon etwas angetrunken und schafft es mich mit zu euphorisieren. In der Bar treffen wir Derya und eine ihrer Freundinnen und außerdem viele Leute, die mit Basak zusammen einen Abschluss in französischer Literatur gemacht haben. Es entstehen interessante Gespräche, wir trinken ein paar Bier und die Stimmung ist sehr angenehm und entspannt.

Später machen wir uns mit dem Minitaxi auf den Weg nach Hause. Was ich im Laufe der nächsten Tage an Basak zu schätzen lerne ist einerseits seine Art, mir meinen Freiraum zu lassen und andererseits sich seinen zu nehmen. Das ist gerade in meiner Gastrolle sehr erfrischend, da man den Filter, der durch Gastfreundlichkeit manchmal vor die Bedürfnisse des Gastgebers gestellt wird, einfach wegnimmt. Diese Art ermöglicht es auch, sich auf einer freundschaftlich offenen Ebene kennenzulernen. Die Erwartungen an die Pflichten eines Gastes, oder an einen Gastgeber werden runtergeschraubt und man kann schlussendlich sehr offen und ehrlich mit einander sprechen, sich ehrlich anfreunden. Das kann Couchsurfing sein.

Erwartungskarren

Nach dem ersten Tag in Istanbul realisiere ich, wie immens meine Erwartungen an diese Stadt waren. Eine monströse Moschee, die über diese Millionen Stadt wacht, von jedem Ort der Stadt mahnend sichtbar. Dann dieser riesige Fluss, von bunten Lichtern gesäumt stolz durch die Stadt strömend. Mediterrane Straßenwindungen, die diese Metropole in eine romantische Szenerie zum flanieren verwandeln, seelenverwandt mit Barcelona.

Doch dieser erste Tag lässt den Karren meiner Erwartungen zunächst gepflegt gegen die Wand fahren. Ich erinnere mich, wie ich an meinem Ankunftstag über eine der großen Brücken Istanbul erreiche und mich wundere, wo denn diese Moschee sein kann. Doch zu diesem Zeitpunkt liegt das Verhältnis von Größe der Moschee zur Größe der Stadt für mich noch im Dunkeln. Die Unsichtbarkeit des Gotteshauses spricht nur für die Monstrosität dieser Stadt und nicht für die Nichtigkeit der Moschee. Die Vorstellung des strömenden Riesenflusses weicht der Wasserfläche, die in sich die Mündung zweier Wasserarme und somit die Verbindung zum Meer darstellt und somit das aquatische Herz der Stadt bildet. Es trennt die Stadtteile von einander und eint sie gleichzeitig durch diesen Mittelpunkt, der die drei Teile trennend verbindet. Auch das mediterrane Flair suche ich vergebens, doch die Stadt wird mir mit ihren verdreckten Straßen und den lachenden Menschen bald noch ein ganz anderes Gesicht zeigen.

Das Wetter trägt seinen Teil dazu bei, die ersten Tage in ein äußerst mittelmäßiges Licht zu setzen. Es ist leicht verhangen und gräulich und da ich ohne Karte unterwegs bin, irre ich etwas orientierungslos umher. Natürlich finde ich die Hagia Sophia und die Blaue Moschee, die man aus dem Dönerladen seines Vertrauens kennt, von den großen, scheinenden Postern. Ich bin auch eine Weile damit beschäftigt durch das historische Viertel zu laufen, aber schon bald biege ich auf die Seitenstraßen ab um die Nebenschauplätze zu erkunden.

Das ziellose Umherlaufen macht mich nicht so richtig glücklich, die mediterranen Straßen suche ich vergeblich und das Flanierfeeling will sich auch nicht einstellen. Die Stadt ist so riesig, dass sie mich bald davon überzeugt, das Flanieren aufzugeben und mich etwas zielgerichteter zu bewegen. Ich finde eine Reiseagentur und die beiden Männern an ihren Schreibtischen haben sogar tatsächlich einen Stadtplan von Istanbul. Glücklich über meine neugewonnene Orientierungshilfe fasse ich nun mein nächstes Ziel ins Auge: Essen. Und zwar günstig.

Ich nutze mein Anliegen um einen offensiven Kellner eines guten Restaurants mit einer Gegenoffensive zu überraschen. Wie in einigen anderen Ländern ist es in der Türkei üblich Angestellte vor der Tür zu platzieren, die dann entweder lautstark rufend oder mit einer subtilen Flirtstrategie Kunden von der Straße fischen.

Ich frage einen dieser Charmeure also nach günstigem Essen und nachdem er mir versucht einzureden, dass 30 türkische Lira (ca. 10,- €) für ein Essen doch relativ günstig sei, schüttelt er den Kopf und erklärt mir das Offensichtliche. Wo viele Touristen, da kein günstiges Essen.

Glücklicherweise finde ich doch um die nächste Straßenecke einen kleinen Dönerladen, der im oberen Stockwerk ein paar Sitznischen hat. Nach der finalen nährstöfflichen Befriedigung schöpfe ich neue Energie.

Ich versuche meine intrinsischen Kompasse mit den Informationen der Karte zu kombinieren. Ein Kompass ist beispielsweise: „Am Wasser ist es immer schön.“. Leider geht dieser nach hinten los. Am Wasser finde ich nur eine große Autobahn, Tankstellen und Industrieromantik. Ich bewege mich also wieder den Berg hinauf in Richtung der Moscheen. Auch hier in Istanbul sehe ich viele dieser dunklen Holzhäuser, die mich schon in Edirne an den wilden Westen erinnert haben. Wie ich später höre stammen diese Häuser noch aus der osmanischen Zeit, sie geben der Stadt wirklich einen interessanten Touch.

Ich nehme in einem Restaurant platz, wo ich das erste Mal einen Derwisch bestaunen darf. Sein Rock flattert bald in der Form einer Pyramide um ihn herum, drei Falten, die sich in ihrer Form so gut wie nicht verändern. Wirklich erstaunlich.

Danach mache ich mich auf den Weg nach Hause und komme mit dieser leichten Enttäuschung zu Hause an. Der Karren liegt in Trümmern, aber wie das immer so ist, fangen die zerborstenen Bretter schon langsam an sich zu etwas neuem zusammenzufügen. Denn Istanbul ist eben mehr als nur das ausgelutschte Bild der Hagia Sofia und der Blauen Moschee. Und was hinter diesem Symbol steckt, welche Bedeutung es hat, erschließt sich eben nicht nach der ersten Begegnung.

Abreise aus Lesvos, Griechenland

Der Tag beginnt lau und klar. Ich möchte die Insel umarmen, alle Freiwilligen und das Meer. Dieser Ort ist mir so vertraut geworden, die Menschen im und um den ‚Captains Table‘ wuchsen mir ans und ins Herz und werden dort wohl noch eine ganze Weile nachhallen.

Ein letztes Schachspiel, fröhliche Abschiedsumarmungen, dann geht die Reise los in den Süden der Insel.

Es ist der Tag bevor meine Fähre die Insel verlässt. Ich werde eine Nacht in einer anarchistischen Küche für Flüchtlinge namens „No borders kitchen“ verbringen und dann am Morgen die Fähre in die Türkei nehmen.

Farid, der jordanische Koordinator einer medizinischen Organisation in Lesvos, fährt einen großen Van und hat sich bereiterklärt mich zum Hafen zu bringen. Mit von der Partie ist ein Kerl aus Texas, der auch etwas im Süden zu erledigen hat. Zusammen quetschen wir uns auf die Vorderbank und Farid dreht seine jordanische Musik auf. Sofort kommen Bilder von jungen Scheichs in meinen Kopf, die staubige Wüsten mit ihren teuren Geländewagen durchqueren. Währenddessen hören sie diese tosende, rhythmische Musik, ziehen ihre Handbremsen für den nächsten Drift und grinsen selbstzufrieden. So wie Farid schaut, wenn er riskante Überholmanöver vollführt und uns rasend über die griechischen Hügel bringt.

Trotz einiger Nahtoderlebnisse finde ich die Situation sehr witzig. Außerdem finde ich es interessant, wie einfach man so viel Zuhause mit auf Reisen nehmen kann. Wenn Farid so fährt und dabei die Musik hört, die er auch zuhause hört, kommt mir seine Welt auf einmal sehr nah. Auch als Mr. Texas seinen englischen Gangsterrap anschließt, befördert uns das in eine komplett andere Welt. Man sieht ihn mit seinen einst langen lockigen Haaren versteckt unter einer Kapuze und dicken Kopfhörern unter Straßenlaternen entlang laufen.

Nach einem letzten, wehmütigen Abschied, kaufe ich mir mein Fährticket und mache mich auf den Weg zum Anarchoverein.

No borders kitchen wird überwiegend von Deutschen betrieben, die offensichtlich alle aus der sehr linken Szene entsprungen sind. Es ist ein herzlicher Ort, die Flüchtlinge mischen sich unter die Freiwilligen. Es gibt viele kleine Baustellen, Seegras beseitigen, einen Steinofen bauen, kochen oder abwaschen. Außerdem gibt es eine Feuertonne zum aufwärmen. Ich finde eine Schachpartnerin, die sich wegen eines Unfalls leider gerade nicht bewegen kann und deswegen mit großem Vergnügen eine Runde mit mir spielt.

Ein Mann zeigt mir später ein kleines Zelt in dem ich übernachten kann. Meine zweite Nacht im Zelt fällt durch die disfunktionale Plane über meinem Schlafplatz leider sehr feucht aus. Leicht knitterig mache ich mich also um acht Uhr morgens auf den Weg zu meiner Fähre.

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Molyvos, die Touristen und die Einheimischen

 

Der erste Eindruck, der sich in Molyvos, am nördlichsten Zipfel von Lesvos, aufdrängt, ist der einer wunderschönen Gegend. Desto stärker stehen dazu die Herbstmonate des letzten Jahres im Widerspruch.

„Und dann waren da diese rotbackigen Touristen in dieser kleinen, historischen Eisenbahn, die quer durch die Stadt fuhren.“, erzählt mir Freja1, eine dänische Freiwillige, die sich schon im Oktober bei Starfish engagiert hat. Sie zeigt mir die Plätze im Ort, wo sich die ersten Camps gebildet haben. Eine Wiese mit alten Gemäuerresten, direkt am historischen Hafen. Der Inhaber des Grundstücks hatte sich über den Herbst widerwillig dazu bereit erklärt, das Grundstück zur Versorgung der ankommenden Flüchtlinge bereitzustellen. Dort wurden trockene Klamotten und Essen ausgegeben. Die erschöpften Ankömmlinge waren meist so ausgelaugt von der Reise, dass sie sich auf die Bürgersteige, Piermauern und Straßen von Molyvos legten um sich zu erholen.

„Dieser ganze Bürgersteig, eine einzige goldene Fläche.“, erzählt mir Freja. „Damals hatten wir noch nicht die grauen Decken von UNHCR, sondern hatten nur Erste-Hilfe-Wärmedecken.“. Diese Decken sind papierdünn, auf einer Seite silbern, auf der anderen golden. Ich habe mich schon immer gefragt, welche ausgefeilte Technik hinter diesen dünnen „Decken“ steckt. Wir stehen nun vor dem Café am Stadtrand und schauen den langen Bürgersteig entlang. Auf der anderen Straßenseite strömen Kinder aus der Schule, alles ist hier wieder normal.

Nachdem die Flüchtlinge hier, in der steinernen Stadt am Hügel angekommen sind, haben sie einen Fußmarsch von 60 Kilometern vor sich. Quer über die Insel. So war das jedenfalls im Herbst noch. Erst nach und nach entwickelte sich eine Infrastruktur von regelmäßig fahrenden Bussen von UNHCR und IRC (International Rescue Committee), welche die Flüchtlinge zum Fährhafen brachten. Der Marsch über die Insel wurde auf für die vielen Bewohner der Insel symbolisch. Eine nicht endende Linie von Menschen, zog sich über die Hauptstraßen der Insel. Viele versuchten die Reise für einige wenige zu erleichtern und brachten sie mit ihren privaten PKWs zum Hafen. Doch im Angesicht der vielen Menschen, die ein gleiches Maß an Zuwendung verdient hätten, fühlten sich viele der Situation hilflos ausgesetzt.

Hinzu kommt, dass der Tourismus in den letzten Jahren zwei Abwärtskurven erlebt hat, ausgelöst durch die gebeutelte nationale Wirtschaft und die rotbackigen Touristen, die sich ihren Urlaub in Zukunft wohl doch anders ausmalen. Ein weiterer Grund, warum die „Locals“ auch um ihre eigene Existenz besorgt sind.

Und doch ist man als Gast der tiefen Überzeugung, dass der Tourismus unweigerlich zurückkehren wird. In die steilen, gewundenen Straßen, in die große Burg und auf die Spitze des Berges, welcher den Blick auf die weiten blauen Flächen des Mittelmeers freigibt. Er muss wiederkommen, die Natur hier ist einfach zu schön.

Und natürlich ist da die Frage, ob die Insel weiterhin Transitzone für die Flüchtlinge bleibt. Es ist unberechenbar, wie sich die europäische Politik verändert, aber auch wie sich die Entscheidungen der Schlepper auswirken wird. Die Organisationen sind hier dieser allumfassenden Unsicherheit ausgesetzt und können nicht einmal sicher sein, dass sie im Sommer noch da sein werden. Oder wie Lucy, Mitglied des Orga-Teams, es formuliert: „Wie soll ich wissen was in zwei Monaten ist, wenn ich nicht mal weiß, was morgen passieren wird!“ Vielleicht hat sich bis dahin ja alles verändert, die Organisationen haben ihre Zelte abgerissen, die Freiwilligen sind aus den Cafés und Restaurants verschwunden und die rotbackigen Touristen können wieder ungestört dicke Schichten Sonnencreme auf ihrer wunden Haut verteilen. Solange das nicht so ist, wird weiter improvisiert!

 

 

 

1Ich habe die Namen geändert um die Privatsphäre zu waren und die Identifikation zu erschweren.

IRC-Camp

Das IRC-Camp ist nach der Hilfsorganisation ‚International Rescue Council‘ benannt. Es ist eines der Camps, die an den Küsten der Insel verteilt sind und somit erste Auffangstation für die Flüchtlinge darstellen. Die geografische Lage des IRC-Camps ist leicht verzwickt. Es versucht sich in die grobe Struktur des nördlichen Küstenstreifens einzufinden, ist jedoch eingeklemmt in einem schmalen Tal und meistens umtost von heftigem Wind. Die blökende Schafherde, welche die weiße Zeltansammlung einrahmt, verstärkt den Eindruck einer widerwilligen Koexistenz. Das Camp ist über die sogenannte „Dirtroad“ zu erreichen, einer staubigen Huckelpiste, auf der die örtlichen Rentalcars nicht mehr versichert sind und auch die UNHCR-Busse nicht fahren können. Die Lage des Camps ist für den Tourismus auf der Insel vorteilhaft, da es gut versteckt ist, unvorteilhaft ist jedoch die schlechte Anbindung, die mit logistischen Herausforderungen verbunden ist.
An diesem Camp lässt sich sehr gut illustrieren, wie die fragilen Strukturen auf der Insel den unberechenbaren Entwicklungen von Politik und Schmugglerstrategie ausgesetzt sind.
In dem Monat, in dem ich bei Starfish Freiwillige war, übernahm ich davon zwei Wochen Schichten in IRC. Die grundsätzliche Tendenz, dass im Norden zur Zeit nur noch sehr wenige Flüchtlinge ankommen und diese alle direkt zur südlich liegenden Stadt Mythilini gebracht werden, ist hier besonders stark zu beobachten. Das IRC Camp war in der Zeit wo ich dort war praktisch komplett vereinsamt. Jeden Tag hielten sich dort zwischen 20 und 40 Freiwillige von verschiedenen Organisationen auf, die auf Ankunft von Flüchtlingen warteten. Der Aufbau des Camps hat fünf Millionen Euro gekostet, das bergige Gebiet planieren, mit Schotter bedecken, große weiße Zelte mit Holzboden und Heizung, außerdem große Flachbildfernseher zu Informationszwecken aufstellen.
Über die Sinnhaftigkeit dieses Camps möchte ich an dieser Stelle auf keinen Fall urteilen, da die Situation vor wenigen Monaten noch komplett anders aussah und das Ziel, ein etabliertes, gut ausgestattetes Camp aufzubauen, sehr logisch erschien. Und doch merkt man, dass diese Camps, die ihre Zeit brauchen um geplant und hochgezogen zu werden, ein unerlässliches Maß an Spontanität und Flexibilität einbüßen.
Die ersten Camps, die errichtet wurden um die vielen ankommenden Menschen zu versorgen waren höchst provisorisch. So auch das Camp OXY, das im Spätsommer 2015 zwischen Molyvos und Petra aufgebaut wurde. Wo kriegen wir große Zelte her? Wie können wir so viele Menschen wie möglich versorgen? Wer bringt uns das Essen? Welche Örtlichkeit können wir benutzen ohne rechtliche Probleme zu bekommen?
Das alles sind Fragen, mit denen Menschen konfrontiert waren, die aus verschiedenen Hintergründen, aus zahlreichen Ländern nach Lesvos kamen um humanitäre Hilfe zu leisten. Freiwillige, unbedarfte Menschen wie ich und du. Jeder dieser Menschen brachte zwar eigene Erfahrungen mit, doch das Unterfangen ein Camp mit einer Aufnahmekapazität von mehreren Tausend Menschen aufzubauen und zum Funktionieren zu bringen, erscheint für Erfahrungslose doch wie eine Mammutaufgabe.
Doch dieses Lernen „from scratch“, „learning by doing“, „trial and error“, war für das Gelingen dieser Aufgabe ebenso wichtig. Die Freiwilligen wuchsen so in ihre Aufgaben, erkannten die Probleme und lernten sie zu umgehen. Ein solcher Prozess dauert natürlich, ist am Ende jedoch sehr gut auf die Gegebenheiten der örtlichen Situation angepasst. Den Locals, die sich dem Problem spontan annehmen, bleibt nichts anders als diesen Weg zu gehen. Und doch frage ich mich immer noch ob dieser Weg des Wachsens und Lernens unausweichlich  ist, oder ob es möglich ist, Wissen und Erfahrungen von ähnlichen Situationen auf diese Überforderungssituationen zu übertragen. Wenn wir die Leute, die diese Arbeit schon in anderen Flüchtlingskontexten gestemmt haben, diese ganzen Prozesse schon mal durchlaufen haben, wenn wir diese Träger von Erfahrungen und Wissen einfach in neuen und doch alten Situationen einsetzen, würde uns doch eine Menge Zeit erspart. Es muss doch effektiver und zielführender sein, erfahrene Leute in diesen Situationen der Ahnungslosigkeit einzusetzen.
Doch erfahrene Leute sind dort, wo große Organisationen sind. Und große Organisationen sind nun mal schwerfällig. Sie sind durch Bürokratie und politische Mandate gebunden und deswegen unflexibel. Und Flexibilität ist besonders in den Situationen wichtig, in denen Räume aufgehen, die ein Macht- und Kontrollvakuum in sich bergen. In dieses Vakuum stechen dann (glücklicherweise) die unabhängigen Freiwilligen, die sich zügig in juristischen Strukturen wie Vereinen oder NGOs organisieren. Diese laufen dann durch den beschrieben Wachstumsprozess und sind in ihrer Reaktionsfähigkeit sehr viel agiler als größere Organisationen, weil sie ihre rechtlichen Strukturen und Grenzen erst langsam aufbauen.
Die Nachteile dieser Dynamik sind eben besonders am IRC-Camp zu beobachten. Die Reaktionsfähigkeit ist einfach zu lang, um adäquat reagieren zu können. Schon wandern die Flüchtlingsrouten von Norden nach Süden. In Zukunft möglicherweise gar nicht mehr über Lesvos, sondern über Norwegen.

Moria – Registrierungscamp und Hotspot auf Lesbos

 

Moria ist das Registrierungscamp von Lesvos. Alle Flüchtlinge die an den Stränden ankommen, müssen hier durch, es sei denn, sie möchten illegal weiterreisen, was durch die Fähren erheblich erschwert wird. Online habe ich diese Karte von Moria gefunden an der ihr euch gerne orientieren könnt.

Obwohl mich der Name durchgehend an die Höhlen von Moria aus Herr der Ringe erinnert, hat der Ort rein gar nichts mit Höhlen zu tun. Das Gebiet ist komplett open-air und von zahlreichen Zelten besiedelt. Dort sind einerseits die vielfältigen NGOs untergebracht (am unteren Rand der Karte sind alle Beteiligten aufgelistet) und andererseits natürlich die Flüchtlinge, die hier täglich ankommen. Diesen Februar sind durchschnittlich um die 1000 Menschen pro Tag hier auf der Insel angekommen.
Sie werden in sogenannten RHUs (Refugee Housing Units) untergebracht, die von IKEA produziert werden.

Davon gibt es in Moria 60 Stück. In jedes passen 20 Personen, Gesamtkapazität aller RHUs beläuft sich also auf 1800 Menschen. Neben den Zelten, gibt es noch die Dorms. Lang gezogene, containerartige Gebäude, die pro Block um die 10 Räume enthalten. Da die Räume der Dorms größer sind als die RHUs, können hier im Notfall 40-50 Menschen pro Raum übernachten. Es gab allerdings schon diverse Situationen, in denen sich Familien weigern den kleinen Raum zu betreten, da sich eine andere 15-köpfige Familie drinnen schon breit gemacht hat und der Platz sehr begrenzt ist. Wenn das Wetter draußen lau ist, legen sich manche einfach draußen auf den Boden. Wenn das Wetter kalt ist, müssen Lösungen gefunden werden: die Beteiligten werden höflich gebeten für alle Platz zu schaffen.
In den Dorms sind hauptsächlich alte Menschen und Familien mit Kindern untergebracht. Die Räume sind durchgehend beheizt und die Bewohner werden mit Essen versorgt. Wenn man in den Dorms Schicht hat, muss zunächst eine Liste geführt werden mit allen Bewohnern, die zurzeit in den Dorms untergebracht sind. Es wird darauf geachtet, dass die untergebrachten Menschen im Raum dieselbe Sprache sprechen. Außerdem ist man dafür zuständig, die neu ankommenden Familien in die entsprechenden Räume zu bringen und im Notfall zu vermitteln. Starfish verwaltet den oberen Container, ein Dorm. I58 verwaltet die unteren beiden. Sowohl Starfish als auch I58 sind dem DRC untergeordnet (der Grund warum Starfish nicht als eigene Organisation auf der Karte aufgelistet ist).
Neben den Dorms und den RHUs gibt es noch ein großes Zelt für alle männlichen Flüchtlinge. In der Zeit, in der ich in Moria gearbeitet habe, wurde das gerade verschoben und war deswegen nicht in Benutzung. Die Männer mussten in der Zeit auf dem Boden schlafen. Wenn es sehr voll war, wurden auch Zelte ausgegeben, die sich dann über die dicken Betonwege des Camps verstreuten. Daneben, Menschen in graue Decken eingewickelt.

Von außen sieht Moria aus wie ein großes Gefängnis, das es früher scheinbar auch war. Es gibt hohe Betonmauern, die von Stacheldraht überzogen sind. Hohe Zäune ziehen sich auch durch das Camp, grenzen die drei Dorms von einander ab und den Registrierungsbereich. Der Eindruck eines Gefängnisses und der damit verbundenen Bedrohung ist allgegenwärtig, obwohl die Menschen sich frei hinaus und hinein bewegen können. Man gewöhnt sich nach einer gewissen Zeit an die Stacheldrähte, kann aber durch die Augen der Neuankömmlinge immer wieder die Befremdung erkennen, die mit den großen Zäunen verbunden ist.
Die Freiwilligen schaffen es oft ein Gefühl von Wärme entstehen zu lassen. Unverfängliche Gespräche zwischen den Zelten, Witze und offenes Lächeln baut immer wieder kleine Brücken zwischen Freiwilligen und den Ankommenden. Obwohl die meisten übermüdet und entkräftet sind und meistens nur noch schlafen möchten, bleiben immer noch kleine Zwischenräume für Berührungen.

Die Bundeszentrale für politische Bildung erklärt einen Hotspot als riesiges Zentrum, das dafür gedacht ist, die Flüchtlinge, die eine Chance auf Asyl haben vorzuselektieren um sie besser auf die restlichen EU-Mitgliedsstaaten aufteilen zu können (bpb.de über Hotspots).

Offensichtlich werden bei dieser Strategie Schnellverfahren eingesetzt, die mir persönlich nicht besonders legal erscheinen. Im Anbetracht der Situation, dass die Grenzen in Europa mittlerweile geschlossen sind, ist das jedoch nur das erste Glied der Kette, das in Fragen von Menschenrechten schwächelt.
Wenn man in einem dieser Hotspots registriert wird und als „Wahrscheinlichkeit auf Asyl in Europa ist hoch“ eingestuft wird, hatte man vor wenigen Wochen noch die Möglichkeit über die Grenze nach Mazedonien weiterzureisen. Dieses Privileg war allerdings nur Irakern, Syrern und Afghanen vergönnt. Alle anderen wurden zwar registriert, jedoch anders gelabelt und somit aussortiert. Die Entstehung der Lager außerhalb von Moria, die all diejenigen aufnehmen, die an diesem Punkt nicht über die Grenze reisen durften, war somit vorprogrammiert. Das individuelle Asylrecht, das nicht nur vor Kriegszuständen im gesamten Land, sondern auch vor individueller Verfolgung schützt, darf man hier wohlwollend mit der Lupe suchen.
In dem Artikel von bpb.de wird auch erwähnt die Menschen hätten keine Motivation sich registrieren zu lassen, doch bei den bevorzugten Nationalitäten ist das offensichtlich nicht der Fall. Ich stimme auch der Äußerung zu, dass die Hotspots bisher nicht dazu geeignet und genutzt werden, die Menschen ohne Chancen auf Asyl(-antrag) wieder abzuschieben. Denn Moria ist ein Durchlauflager und es ist tatsächlich weder durchsetzbar noch mit völkerrechtlichen Standards vereinbar, die Flüchtlinge dort festzuhalten um sie zeitnah wieder abzuschieben. Neben dem Camp in Moria ist jedoch ein weiteres großes Camp geplant, dass bis zu 10.000 Menschen fassen kann. Doch niemand kann sagen, was dort geplant ist. Denn es kann genauso gut sein, dass man sich für steigende Flüchtlingszahlen im Sommer wappnen möchte.

Dieser Ort ist somit sehr vielschichtig und sowohl die nationale Politik auf Makrolevel, als auch die Unberechenbarkeiten auf dem Mikrolevel können sehr spontan zu erheblichen Veränderungen führen, was diesen Ort und diese Insel so besonders macht.

Starfish Foundation

Ich möchte zunächst die Organisation vorstellen, mit der ich gearbeitet habe, damit ihr euch die Arbeit auf Lesvos ein bisschen besser vorstellen könnt. Über die Einsatzgebiete von Starfisch leitet sich auch ab, welchen Tätigkeiten ich dort nachgegangen bin.

Die Organisation Starfish Foundation liegt am nördlichen Rand der griechischen Insel Lesbos. Das Büro der jungen NGO befindet sich im Captains Table einem Restaurant, dessen Inhaber Starfish gegründet haben. An diesem Zipfel der Insel ist die Verbindung zum türkischen Festland am kürzesten und die Überfahrtsbedingungen am idealsten. Das türkische Festland scheint nur einen Steinwurf entfernt.

Starfish beteiligt sich an drei verschiedenen Einsatzorten mit Freiwilligen. Einerseits im sogenannten IRC Camp. IRC ist die Abkürzung für International Rescue Committee, einer international operierenden Hilfsorganisation, die vor einiger Zeit ein Camp an der nördlichen Küste fertig gestellt hat. In diesem Camp werden die Menschen versorgt, die an den umliegenden Stränden ankommen. Es gibt mehrere dieser Camps auf der ganzen Insel verstreut, die entsprechend für unterschiedliche Strände zuständig sind. In diesen Camps bleiben die Menschen meistens nur wenige Stunden oder eine Nacht und werden dann von Bussen von UNHCR oder IRC abgeholt. Die Träger dieser Camps sind unterschiedliche Organisationen, entweder selbst organisierte, kleine, vor Ort gegründete, wie Starfish, oder schon etablierte, größere Organisationen, wie z.B. UNHCR oder Mediciens Sans Frontiers. Von diesen Camps werden die Flüchtlinge dann nach Moria, in das zentrale Registrierungscamp gebracht. Mehr zum Thema IRC-Camp gibt es hier zu lesen.

Der zweite Einsatzort von Starfish ist der Hafen. Einerseits wird der Hafen in Molyvos, anderseits der Hafen in Petra betreut. Wenn dort Boote ankommen, sind die Aufgaben von Starfish die Menschen mit Essen und trockenen Klamotten zu versorgen und sie in die Busse zu bringen, welche dann entweder direkt nach Moria zum Registrierungscamp fahren oder noch einen Zwischenstopp im IRC Camp machen. Wenn Boote im Hafen ankommen heißt das nicht, dass wir der erste Kontakt zu den Flüchtlingen sind, sondern dass die griechische Küstenwache oder Frontex die Passagiere an Bord ihrer Schiffe genommen hat und dann sicher in die Häfen der Insel bringt. Doch diese Abläufe haben sich erst mit der Zeit entwickelt.

Der dritte Einsatzort ist Moria. Innerhalb des offiziellen Registrierungscamps werden die Menschen registriert, versorgt und untergebracht. Von dort aus reisen sie dann mit der Fähre weiter nach Athen. Die Freiwilligen, die dort von Starfish eingesetzt sind, sind gemeinsam mit I AM YOU, einer schwedischen Organisation und dem DRC (Danish Refugee Council) für die Unterbringung der Flüchtlinge verantwortlich. Es gibt weitere Organisationen wie I58 und Euro Relief, aber auch viele medizinische Organisationen, die andere Aufgaben innerhalb des Camps übernehmen. Die übergeordnete Organisation ist UNHCR und die griechische Polizei. Mehr über Moria könnt ihr hier lesen.
An diesen drei Stationen hat man die Möglichkeit zu arbeiten. Neuerdings wurde eine weitere Arbeitsmöglichkeit für Beachcleaning eröffnet. An den Stränden von Lesbos liegen viele Gummiboote und eine Menge Müll. Einige Freiwillige haben also die Initiative ergriffen sich diesem Problem anzunehmen. Die Gummischlauchboote, die über viele Strände verteilt sind, werden am Strand zerschnitten und dann an der Straße von der Müllabfuhr abgeholt. Die Freiwilligen möchten einerseits die Wahrscheinlichkeit auf florierenden Tourismus erhöhen, doch da das Verhältnis zu den Locals schwierig ist gibt es auch Freiwillige, die sich weigern die Aufgabe des Beachcleanings zu übernehmen. Die Verantwortung, die Insel sauber zu halten, liegt nicht nur bei den Freiwilligen sondern ebenso bei den Einheimischen, die das Saubermachen manchmal als eine Art Bringschuld der Freiwilligen betrachten.

In der Vergangenheit haben sich die Arbeitsbereiche von Starfish oft verändert. Bis Dezember, als es das IRC Camp noch nicht gab, wurde auf dem Parkplatz eines Nachtclubs ein Camp namens „OXY“ betrieben, das von Starfish auf die Beine gestellt und geleitet wurde. Es wurde dann allerdings geschlossen, da die Lage des Camps für den örtlichen Tourismus Schwierigkeiten mit sich brachte. Doch auch nach diesem Rückschlag sortierte sich die Organisation neu und fand neue Arbeitsbereiche. Durch die wechselnden Routen der Flüchtlinge, durch neue Gesetzgebungen und Regierungskurse gibt es ständig gravierende Veränderungen, auf die reagiert werden muss. Das bietet einerseits Raum für neue Entwicklungen und Herausforderungen, illustriert allerdings auch die Auslieferung der Organisation gegenüber höheren Kräften.

07.02.16 Endlich – Ankunft auf Lesbos

Am Sonntag nehme ich aus Ayvalik die Fähre nach Lesbos. Ich bin meinem Ziel nun sehr nahe und mein ekstatisches Reisegefühl vermischt sich langsam mit der unberechenbaren Situation auf der Insel. Ich kann immer noch nicht einschätzen, was mich dort erwartet und bin dennoch sehr gespannt.

Die Fähre verlässt bei strahlendem Wetter und guter Sicht auf die umliegenden Inseln und Küstenzüge den Hafen. Nach eineinhalb Stunden erreichen wir Mitilini, die Hafenstadt von Lesbos. Die Organisation, für die ich mich angemeldet habe, liegt leider auf der anderen Seite der Insel: Landstraßenstrecke von 80 Kilometern. Es ist mittlerweile halb sechs und wird langsam dunkel. Bisher bemerkt man nichts von einer größeren Anzahl von Flüchtlingen.

Am Hafen sehe ich jedoch mehrere Kleintransporter, die Verbindungen zu humanitären Organisationen vermuten lassen. Kurz nach meiner Ankunft gabelt mich ein Mann auf, der beim Danish Refugee Council arbeitet und mir erste Informationen gibt. In Moria, einer Stadt nahe Mitilini, wurde ein großes Registrierungszentrum eröffnet um einen Überblick über die eintreffenden Flüchtlinge zu bekommen. Er sagt, die Zustände seien dort zu Beginn desaströs gewesen, bis größere Organisationen wie das DRC und UNHCR strukturierende Arbeit leisteten und bis zu 2000 Schlafplätze schafften.

Er lässt mich nach ca. 10 km raus, macht mir jedoch noch ein freundliches Angebot: Er sagt, falls ich niemanden mehr finde der mich weiter mitnimmt könnte ich in das nah gelegene Freiwilligencamp gehen wo ich höchst wahrscheinlich ein Lager finden kann. Nach weiteren zwanzig Minuten rumstehen, entscheide ich mich für diese Option und mache mich auf den Weg, die beschriebene Straße entlang zu laufen.

Ich laufe eine ganze Weile und denke schon darüber nach mich einfach mit meinem Zelt in die Olivenhaine zu schlagen, als ein Auto anhält und die Fahrerin mich fragt, ob sie mich mitnehmen kann. Ich sage ja und frage gleich nach dem erwähnten Volunteercamp. Sie fahren dort hin und nehmen mich den restlichen Weg mit.

Ich krabbele einen Matschhügel hinauf um das Grundstück des Camps zu betreten. Es ist kein Volunteercamp, sondern ein zweigeteiltes Flüchtlingscamp, durch das alle durchmüssen, die weiterreisen möchten. Es laufen natürlich auch viele Volunteers herum und möglicherweise hätte ich hier einen Schlafplatz gefunden, wenn sich später nicht etwas anderes ergeben hätte.

Um die Grundstruktur der Grundstücks zu erläutern: einerseits liegt dort das stark gesicherte Registrierungscamp mit vielen großen Organisationen darin. Sie kümmern sich um Unterbringung, Klamotten, Essen, ärztliche Verpflegung und die Registrierung. Das Camp ist von einem hohen Zaun und Mauern umgeben, die Flüchtlinge können sich jedoch frei nach draußen bewegen. Das beweisen auch die zahlreichen Essenswagen, die vor dem Camp Essen und Sim-Karten verkaufen.

Ein zweiter Teil liegt außerhalb dieser Anlage. Der Bereich wird von der Organisation „Better days for Moria“ betrieben. Dort gibt es zunächst zwei öffentliche Pavillions, ein Information-tent und ein Tea-tent. Neben diesen beiden Orten wo sich Freiwillige und Flüchtlinge aufhalten gibt es außerdem noch das Klamottenzelt. Dort werden die Kleiderspenden sortiert und gesammelt und gegebenenfalls an die Flüchtlinge verteilt. Dieses Camp beherbergt hauptsächlich die Flüchtlinge, die nicht im Registrierungscamp aufgenommen werden. Vordergründig sind das Flüchtlinge aus Marokko, Iran, Algerien und Pakistan. Sie werden zwar registriert, kommen an der mazedonischen Grenze aber nicht über die Grenze. Ich bin bisher noch nicht dahinter gekommen, was diese Registrierung bedeutet, aber wenn sie ausschlaggebend für die Weiterreise ist, scheint sie ziemlich wichtig. So kommt es, dass die Flüchtlinge des äußeren Camps sich bei BDFM freiwillig melden und im Tea-tent oder bei der Kleiderausgabe helfen. Andere verschwinden in den Olivenhainen oder reisen weiter nach Athen. Eine Freiwillige erzählt mir, dass sich dort große Gemeinden der entsprechenden Nationalitäten bilden und es vereinzelt zu Gewalttaten durch griechische Neofaschisten kommt.

Es ist sehr schwierig durch die politischen Strukturen von Verantwortlichkeiten und Aufgaben der beiden Camps durchzusteigen. Viele Freiwillige haben selbst keine Ahnung oder sind selbst erst einige Tage hier. Spannend ist allerdings, dass viele neue Organisationen von lokalen Bürgern gegründet werden, die sich bestimmten Problemen annehmen, die aufkommen. So zum Beispiel die Dirty Girls. Die Klamotten und Schuhe waschen, damit diese verwendet werden können und nicht weggeschmissen werden. Ich möchte die Strukturen des Camps weiterhin besser verstehen und hoffe bald mehr darüber schreiben zu können.

Die Nacht des Sonntags verbringe ich im Apartment eines Amerikaners den ich im Tea-tent kennenlerne und der mir offenherzig eines seiner zwei weiteren Betten in seinem Apartment anbietet. Ich nehme gerne an und freue mich, dass ich doch nicht in der frierenden Kälte campieren muss. Denn obwohl das Wetter so schön ist, sind die Nächte sehr kalt und teilweise gibt es Frost.

05.02.16 – Ankunft in Edirne

Als ich in Edirne aus dem kleinen Busschen steige, habe ich das erste Mal richtig das Gefühl unterwegs zu sein. Es ist so interessant, weil gerade die Türkei ein Land ist, das einem vertraut ist. Man kennt einige Deutsche, die aus der Türkei stammen und auch das Essen und die Getränke bin ich durchaus gewohnt. Es hatte also auch viel Vertrautes, in den engen Straßen und in den Gesichtern der Menschen.

Es gibt zwei große Moscheen in Edirne und die spannende Struktur dieser fällt sofort auf: es gibt ein Hauptgebäude, mit den Hauptgebetsräumen darin und viele kleine Minarette, die über die ganze Stadt verteilt sind mit kleinen angrenzenden Nebengebäuden. Es erinnert an eine Pflanze, die sich unterirdisch verbreitet und sich durch neuen Spross ständig vervielfältigt.

Die Stadt packt mich in dem Moment, indem ich aus dem Bus steige. Auf den Straßen ist viel los und der Sog der Menschen zieht mich ins Stadtinnere zu den beiden Moscheen. Direkt neben die alten Bauten, drücken sich kleine Shops und Dönerläden. Leuchtende Reklamen prangen auf alten Steinmauern. Die Imbisse dazu klemmen sich in die Nischen zwischen den wuchtigen Mauern. Kabel und anderes Knotiges zieht sich über die Straßen und Häuserwände. Statt glatten Häuserfassaden strecken, ducken, drücken und schmiegen sich die Häuser an einander vorbei und bilden einen Flickenteppich aus vielfältigen Hausgesichtern. Es gibt hölzerne Fassaden, die an den wilden Westen erinnern, ebenso wie mediterrane Spielereien. Dazwischen neuartigere Bauten und zwischen allem: viele Menschen, die in den umliegenden Gassen verschwinden, um die Brunnen herumstehen oder die Gemüsepreise in die Verschachtelung rufen.

Zuerst tausche ich Euro in Lira um, deren Wechselkurs ich durch die Busfahrt ja nun schon kenne. Außerdem besorge ich mir eine Stadtkarte in einem Touristenbüro, das von einem schwiizerdütsch sprechenden Türken betrieben wird. Ich wandere eine Weile mit meinem Rucksack durch die Stadt, bis ich ein Café finde, um mir eine Schlafgelegenheit zu suchen und mein Handy aufzuladen. Ich stand bereits mit einem Couchsurfinghost in Kontakt, der mir eine kostenlose Unterkunft für Fahrradfahrer etwas weiter außerhalb empfohlen konnte. Da mir eine Couch bei einem richtigen Couchsurfinghost jedoch lieber ist, schreibe ich erst mal zehn Requests an die örtliche Couchsurfingcommunity. Außerdem schlage ich mir den Wanst mit Waffeln und türkischem Tee voll. Ich habe auf meiner Reise Schwarztee richtig zu schätzen gelernt. Obwohl ich früher eigentlich weder Kaffee- noch Teefan war, hat es mir dieser kleine Schwarztee mit einem Zuckerstückchen dann doch angetan.

Es macht Spaß die Menschen um mich herum zu beobachten. Wenn sie sich begrüßen umarmen sich viele zweimal, einmal links, dann rechts. Ähnlich einem Wangenkuss.

Leider sagen mir zwei Couchsurfinghosts ab, ich beschließe also mich langsam auf die Suche nach dem großen Migros-Supermarkt zu machen, bei dem die Fahrradunterkunft zu finden ist. Ich nehme für weitere drei Lira den Bus und lande in einer etwas industrielleren, ungemütlicheren Gegend. Als ich mein Internet wieder anschalte, entdecke ich eine Mail von einem Couchsurfer, der mich spontan aufnehmen kann. Dafür muss ich leider wieder in die Stadt zurück.

Eine kleine Infrastrukturkrise bricht aus, als mein Handy akkumäßig den Geist aufgibt und ich nicht mal in DOMINO PIZZA Wifi finde. Ich begebe mich also in die nächste Mall und darf bei einem kleinen Baklava-Laden mein Handy aufladen. Der Mann der dort arbeitet ist 25 und Physiker. Er hat einige Freunde in Deutschland und fragt mich mit Hilfe von Google Translator, wie viel meine Eltern verdienen. Er ist direkt, was das Gespräch erleichtert und erschwert. Ob es den Türken in Deutschland gutgeht kann man wohl nicht in drei Sätzen beantworten. Er denkt selbst darüber nach nach Deutschland zu gehen und ich bemerke dass viel Hoffnung und Sehnsucht dahinter liegt. Und eine Unterschätzung der Fremde und des Neuanfangs. Oder die Brille der sozialen Ungerechtigkeit drückt mein Nasenbein in diesen Tagen zu sehr zusammen.

Er schenkt mir ein bisschen Baklava und gibt mir einen Tee aus. Auch hier begegnet mir ein weiteres Mal die bedingungslose türkische Gastfreundschaft. Von Gehältern und Lebensqualität bewegt sich das Gespräch zu Religion. Während ich in Deutschland seit langem keine Glaubensdiskussion mehr geführt habe, fragt er mich direkt, ob ich glaube, mit dem christlichen den wahren Glauben zu verfolgen. Puh. Ja. Schwierig.

Leider muss ich dann auch schon los, ich verspreche ihm allerdings auf jeden Fall wiederzukommen, wenn ich das nächste Mal in Edirne weilen werde. Mittlerweile habe ich dem Couchsurfer geantwortet, dass ich mich auf den Weg mache, nehme den nächsten Bus und finde meinen Weg ein weiteres Mal durch die Innenstadt.

Der Couchsurfer ist leicht überrumpelt von meinem Erscheinen, freut sich aber und nachdem ich meine Sachen in seiner etwas kühl-bläulichen Wohnung abgeworfen habe, Er hat zwei Katzen, die gerne ausbüxen und er freut sich über das bulgarische Bier, dass ich immer noch mit mir herumschleppe. Außerdem begrüßt er mich mit einer riesigen Gummispinne im Waschbecken.

2016-02-06 09.05.06

Da er gerade auf dem Weg aus dem Haus zu seinen Freunden ist, klemme ich mich einfach mit dran und wir nehmen den selben Bus wieder raus aus der Stadt (!).

Er hat einen fransigen Bart, einen trocken-humorvollen Blick und kann lustige Geschichten erzählen. Wir laufen eine ganze Weile, reden über Migration und sein Studium in Bosnien. Außerdem geht es um die Kurden in der Türkei und auch das Religionsthema wird wieder angerissen. Er scheint zu dem Thema jedoch ebenfalls nicht so viel Bezug zu haben. Seine Freunde sind auch sehr witzig, ich lerne wie man in Zeichensprache Tee bestellen kann und bei Kicker und Schokomilchshakes haben wir viel Spaß zusammen.