07.02.16 Endlich – Ankunft auf Lesbos

Am Sonntag nehme ich aus Ayvalik die Fähre nach Lesbos. Ich bin meinem Ziel nun sehr nahe und mein ekstatisches Reisegefühl vermischt sich langsam mit der unberechenbaren Situation auf der Insel. Ich kann immer noch nicht einschätzen, was mich dort erwartet und bin dennoch sehr gespannt.

Die Fähre verlässt bei strahlendem Wetter und guter Sicht auf die umliegenden Inseln und Küstenzüge den Hafen. Nach eineinhalb Stunden erreichen wir Mitilini, die Hafenstadt von Lesbos. Die Organisation, für die ich mich angemeldet habe, liegt leider auf der anderen Seite der Insel: Landstraßenstrecke von 80 Kilometern. Es ist mittlerweile halb sechs und wird langsam dunkel. Bisher bemerkt man nichts von einer größeren Anzahl von Flüchtlingen.

Am Hafen sehe ich jedoch mehrere Kleintransporter, die Verbindungen zu humanitären Organisationen vermuten lassen. Kurz nach meiner Ankunft gabelt mich ein Mann auf, der beim Danish Refugee Council arbeitet und mir erste Informationen gibt. In Moria, einer Stadt nahe Mitilini, wurde ein großes Registrierungszentrum eröffnet um einen Überblick über die eintreffenden Flüchtlinge zu bekommen. Er sagt, die Zustände seien dort zu Beginn desaströs gewesen, bis größere Organisationen wie das DRC und UNHCR strukturierende Arbeit leisteten und bis zu 2000 Schlafplätze schafften.

Er lässt mich nach ca. 10 km raus, macht mir jedoch noch ein freundliches Angebot: Er sagt, falls ich niemanden mehr finde der mich weiter mitnimmt könnte ich in das nah gelegene Freiwilligencamp gehen wo ich höchst wahrscheinlich ein Lager finden kann. Nach weiteren zwanzig Minuten rumstehen, entscheide ich mich für diese Option und mache mich auf den Weg, die beschriebene Straße entlang zu laufen.

Ich laufe eine ganze Weile und denke schon darüber nach mich einfach mit meinem Zelt in die Olivenhaine zu schlagen, als ein Auto anhält und die Fahrerin mich fragt, ob sie mich mitnehmen kann. Ich sage ja und frage gleich nach dem erwähnten Volunteercamp. Sie fahren dort hin und nehmen mich den restlichen Weg mit.

Ich krabbele einen Matschhügel hinauf um das Grundstück des Camps zu betreten. Es ist kein Volunteercamp, sondern ein zweigeteiltes Flüchtlingscamp, durch das alle durchmüssen, die weiterreisen möchten. Es laufen natürlich auch viele Volunteers herum und möglicherweise hätte ich hier einen Schlafplatz gefunden, wenn sich später nicht etwas anderes ergeben hätte.

Um die Grundstruktur der Grundstücks zu erläutern: einerseits liegt dort das stark gesicherte Registrierungscamp mit vielen großen Organisationen darin. Sie kümmern sich um Unterbringung, Klamotten, Essen, ärztliche Verpflegung und die Registrierung. Das Camp ist von einem hohen Zaun und Mauern umgeben, die Flüchtlinge können sich jedoch frei nach draußen bewegen. Das beweisen auch die zahlreichen Essenswagen, die vor dem Camp Essen und Sim-Karten verkaufen.

Ein zweiter Teil liegt außerhalb dieser Anlage. Der Bereich wird von der Organisation „Better days for Moria“ betrieben. Dort gibt es zunächst zwei öffentliche Pavillions, ein Information-tent und ein Tea-tent. Neben diesen beiden Orten wo sich Freiwillige und Flüchtlinge aufhalten gibt es außerdem noch das Klamottenzelt. Dort werden die Kleiderspenden sortiert und gesammelt und gegebenenfalls an die Flüchtlinge verteilt. Dieses Camp beherbergt hauptsächlich die Flüchtlinge, die nicht im Registrierungscamp aufgenommen werden. Vordergründig sind das Flüchtlinge aus Marokko, Iran, Algerien und Pakistan. Sie werden zwar registriert, kommen an der mazedonischen Grenze aber nicht über die Grenze. Ich bin bisher noch nicht dahinter gekommen, was diese Registrierung bedeutet, aber wenn sie ausschlaggebend für die Weiterreise ist, scheint sie ziemlich wichtig. So kommt es, dass die Flüchtlinge des äußeren Camps sich bei BDFM freiwillig melden und im Tea-tent oder bei der Kleiderausgabe helfen. Andere verschwinden in den Olivenhainen oder reisen weiter nach Athen. Eine Freiwillige erzählt mir, dass sich dort große Gemeinden der entsprechenden Nationalitäten bilden und es vereinzelt zu Gewalttaten durch griechische Neofaschisten kommt.

Es ist sehr schwierig durch die politischen Strukturen von Verantwortlichkeiten und Aufgaben der beiden Camps durchzusteigen. Viele Freiwillige haben selbst keine Ahnung oder sind selbst erst einige Tage hier. Spannend ist allerdings, dass viele neue Organisationen von lokalen Bürgern gegründet werden, die sich bestimmten Problemen annehmen, die aufkommen. So zum Beispiel die Dirty Girls. Die Klamotten und Schuhe waschen, damit diese verwendet werden können und nicht weggeschmissen werden. Ich möchte die Strukturen des Camps weiterhin besser verstehen und hoffe bald mehr darüber schreiben zu können.

Die Nacht des Sonntags verbringe ich im Apartment eines Amerikaners den ich im Tea-tent kennenlerne und der mir offenherzig eines seiner zwei weiteren Betten in seinem Apartment anbietet. Ich nehme gerne an und freue mich, dass ich doch nicht in der frierenden Kälte campieren muss. Denn obwohl das Wetter so schön ist, sind die Nächte sehr kalt und teilweise gibt es Frost.

05.02.16 – Ankunft in Edirne

Als ich in Edirne aus dem kleinen Busschen steige, habe ich das erste Mal richtig das Gefühl unterwegs zu sein. Es ist so interessant, weil gerade die Türkei ein Land ist, das einem vertraut ist. Man kennt einige Deutsche, die aus der Türkei stammen und auch das Essen und die Getränke bin ich durchaus gewohnt. Es hatte also auch viel Vertrautes, in den engen Straßen und in den Gesichtern der Menschen.

Es gibt zwei große Moscheen in Edirne und die spannende Struktur dieser fällt sofort auf: es gibt ein Hauptgebäude, mit den Hauptgebetsräumen darin und viele kleine Minarette, die über die ganze Stadt verteilt sind mit kleinen angrenzenden Nebengebäuden. Es erinnert an eine Pflanze, die sich unterirdisch verbreitet und sich durch neuen Spross ständig vervielfältigt.

Die Stadt packt mich in dem Moment, indem ich aus dem Bus steige. Auf den Straßen ist viel los und der Sog der Menschen zieht mich ins Stadtinnere zu den beiden Moscheen. Direkt neben die alten Bauten, drücken sich kleine Shops und Dönerläden. Leuchtende Reklamen prangen auf alten Steinmauern. Die Imbisse dazu klemmen sich in die Nischen zwischen den wuchtigen Mauern. Kabel und anderes Knotiges zieht sich über die Straßen und Häuserwände. Statt glatten Häuserfassaden strecken, ducken, drücken und schmiegen sich die Häuser an einander vorbei und bilden einen Flickenteppich aus vielfältigen Hausgesichtern. Es gibt hölzerne Fassaden, die an den wilden Westen erinnern, ebenso wie mediterrane Spielereien. Dazwischen neuartigere Bauten und zwischen allem: viele Menschen, die in den umliegenden Gassen verschwinden, um die Brunnen herumstehen oder die Gemüsepreise in die Verschachtelung rufen.

Zuerst tausche ich Euro in Lira um, deren Wechselkurs ich durch die Busfahrt ja nun schon kenne. Außerdem besorge ich mir eine Stadtkarte in einem Touristenbüro, das von einem schwiizerdütsch sprechenden Türken betrieben wird. Ich wandere eine Weile mit meinem Rucksack durch die Stadt, bis ich ein Café finde, um mir eine Schlafgelegenheit zu suchen und mein Handy aufzuladen. Ich stand bereits mit einem Couchsurfinghost in Kontakt, der mir eine kostenlose Unterkunft für Fahrradfahrer etwas weiter außerhalb empfohlen konnte. Da mir eine Couch bei einem richtigen Couchsurfinghost jedoch lieber ist, schreibe ich erst mal zehn Requests an die örtliche Couchsurfingcommunity. Außerdem schlage ich mir den Wanst mit Waffeln und türkischem Tee voll. Ich habe auf meiner Reise Schwarztee richtig zu schätzen gelernt. Obwohl ich früher eigentlich weder Kaffee- noch Teefan war, hat es mir dieser kleine Schwarztee mit einem Zuckerstückchen dann doch angetan.

Es macht Spaß die Menschen um mich herum zu beobachten. Wenn sie sich begrüßen umarmen sich viele zweimal, einmal links, dann rechts. Ähnlich einem Wangenkuss.

Leider sagen mir zwei Couchsurfinghosts ab, ich beschließe also mich langsam auf die Suche nach dem großen Migros-Supermarkt zu machen, bei dem die Fahrradunterkunft zu finden ist. Ich nehme für weitere drei Lira den Bus und lande in einer etwas industrielleren, ungemütlicheren Gegend. Als ich mein Internet wieder anschalte, entdecke ich eine Mail von einem Couchsurfer, der mich spontan aufnehmen kann. Dafür muss ich leider wieder in die Stadt zurück.

Eine kleine Infrastrukturkrise bricht aus, als mein Handy akkumäßig den Geist aufgibt und ich nicht mal in DOMINO PIZZA Wifi finde. Ich begebe mich also in die nächste Mall und darf bei einem kleinen Baklava-Laden mein Handy aufladen. Der Mann der dort arbeitet ist 25 und Physiker. Er hat einige Freunde in Deutschland und fragt mich mit Hilfe von Google Translator, wie viel meine Eltern verdienen. Er ist direkt, was das Gespräch erleichtert und erschwert. Ob es den Türken in Deutschland gutgeht kann man wohl nicht in drei Sätzen beantworten. Er denkt selbst darüber nach nach Deutschland zu gehen und ich bemerke dass viel Hoffnung und Sehnsucht dahinter liegt. Und eine Unterschätzung der Fremde und des Neuanfangs. Oder die Brille der sozialen Ungerechtigkeit drückt mein Nasenbein in diesen Tagen zu sehr zusammen.

Er schenkt mir ein bisschen Baklava und gibt mir einen Tee aus. Auch hier begegnet mir ein weiteres Mal die bedingungslose türkische Gastfreundschaft. Von Gehältern und Lebensqualität bewegt sich das Gespräch zu Religion. Während ich in Deutschland seit langem keine Glaubensdiskussion mehr geführt habe, fragt er mich direkt, ob ich glaube, mit dem christlichen den wahren Glauben zu verfolgen. Puh. Ja. Schwierig.

Leider muss ich dann auch schon los, ich verspreche ihm allerdings auf jeden Fall wiederzukommen, wenn ich das nächste Mal in Edirne weilen werde. Mittlerweile habe ich dem Couchsurfer geantwortet, dass ich mich auf den Weg mache, nehme den nächsten Bus und finde meinen Weg ein weiteres Mal durch die Innenstadt.

Der Couchsurfer ist leicht überrumpelt von meinem Erscheinen, freut sich aber und nachdem ich meine Sachen in seiner etwas kühl-bläulichen Wohnung abgeworfen habe, Er hat zwei Katzen, die gerne ausbüxen und er freut sich über das bulgarische Bier, dass ich immer noch mit mir herumschleppe. Außerdem begrüßt er mich mit einer riesigen Gummispinne im Waschbecken.

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Da er gerade auf dem Weg aus dem Haus zu seinen Freunden ist, klemme ich mich einfach mit dran und wir nehmen den selben Bus wieder raus aus der Stadt (!).

Er hat einen fransigen Bart, einen trocken-humorvollen Blick und kann lustige Geschichten erzählen. Wir laufen eine ganze Weile, reden über Migration und sein Studium in Bosnien. Außerdem geht es um die Kurden in der Türkei und auch das Religionsthema wird wieder angerissen. Er scheint zu dem Thema jedoch ebenfalls nicht so viel Bezug zu haben. Seine Freunde sind auch sehr witzig, ich lerne wie man in Zeichensprache Tee bestellen kann und bei Kicker und Schokomilchshakes haben wir viel Spaß zusammen.

05.02.16 Abschied und Grenzübertritt

Meine Reise mit Ali endet zwei Stunden und 2000 Meter vor der türkischen Grenze. Denn obwohl wir schon ganz nah an der Grenze sind, bewegt sich die LKW-Schlange alle zwanzig Minuten ca. 200 Meter. Ali und ich haben vorher beschlossen uns in Edirne, der Grenzstadt auf der türkischen Seite zu trennen. Von dort aus würde ich dann überlegen, ob ich weiter trampe oder den Bus nehme. Eigentlich will Ali unbedingt, dass ich den Bus nehme, weil er trampen zu gefährlich findet. Aber ich habe ihm verboten weitere Einwände vorzubringen. Daran hält er sich.

Nach zwei langen Stunden, die ich mit Ali im Truck vor der Grenze verbringe beschließe ich mich abzusetzen. Zwei weitere Stunden warten, um sich dann hinter der Grenze sowieso zu trennen? Er sieht das auch ein, und wir umarmen uns feierlich zwischen den beiden Sitzen des Trucks. Ich bedanke mich bei ihm, er drückt mir die restlichen Bier vom Vorabend in die Hand. Fünf Stück.

Dann springe ich aus dem LKW, er gibt mir meinen Rucksack und ich laufe los. Seit dreieinhalb Tagen, die ich nur mit Ali verbracht habe, wieder alleine. Es macht Spaß zu laufen und in der Kälte zu sein. Ich laufe entlang der Landstraße auf die Grenze zu, keiner hält, also passiere ich die Grenze, die selbst ca. 2000 Meter breit ist, laufend. Es ist ganz witzig, weil die Grenze natürlich eigentlich für Autos ausgelegt ist. Ich komme also auf eine Autoschlange zu, was macht man dann? Stellt man sich hinten an?

Ich laufe vor zum Häuschen und werde winkend vorgezogen. Über den Grenzgebäuden hängen natürlich eine riesige EU-Flagge, sowie eine große Türkei-Flagge. Beides erscheint mir überdimensioniert und pathetisch. Noch einige Schritte vorher habe ich halb zerfallene Grenzhäuschen gesehen, verrostete Zäune. Obwohl es sich bei diesen Dingen noch nicht um die richtige Grenze handelt, ist es doch eine passende Parodie. In den Grenzschlangen sehe ich einen Porsche aus München. Aber auch die nehmen mich nicht mit.

Wo ich hinmöchte, fragen mich die Grenzbeamten. Nach Lesbos. Und warum? Ich möchte Freunde besuchen. Auf Lesbos sind sehr viele Flüchtlinge gerade, dort ist es sehr gefährlich. Ja, ich weiß. Der Beamte schaut mich scharf an. Eine Kollegin kommt rein, er verliert sein Interesse an mir, scannt meinen Pass und stempelt ihn ab.

Ich laufe frohen Mutes weiter, über Parkplätze, an Duty-free-Shops vorbei, bis ich durch die letzte Kontrolle komme und endlich die Türkei erreicht habe. Mein erster Begleiter ist ein gefährlich aussehender Straßenhund. Ich habe erst Angst vor ihm und stelle mir vor, wie ich ihm meine Biertüte auf die Schnauze schleudern muss. Aber er hat selbst Angst vor mir, obwohl er sehr groß ist. Während ich versuche mitgenommen zu werden, sitzt er in sicherer Entfernung und starrt in die Gegend.

Der erste der anhält, ist ein kleines zusammengefallenes Taxi. Ich winke ihn weiter. Der nächste Anhalter ist ein Bus. Drei türkische Lira bis nach Edirne. Wie viel Euro sind das? Einer.

Ich springe in den Bus.

02. – 05.02.16 Überfahrt mit Ali

Am Ende war ich drei Nächte und vier Tage mit Ali unterwegs im Nachhinein eine für mich interessante Zeit. Mein finales Fazit, nämlich dass ich mit Ali einen der fürsorglichsten und gastfreundlichsten Menschen getroffen hatte, konnte ich erst nach unserem Abschied ziehen. Während unserer gemeinsamen Zeit vertraute ich ihm zwar stückchenweise immer mehr, doch Sicherheit hatte ich nie. Das Vertrauen stellte sich schlussendlich erst nach unserem Abschied ein.

Unsere Tage begannen regelmäßig sehr früh, dann aßen wir meist gegen elf oder zwölf fuhren dann weitere drei Stunden und machten dann entweder Schluss oder fuhren weitere zwei bis drei Stunden. Wir fuhren also zwischen sieben und acht Stunden pro Tag. Leider standen wir an zwei Tagen den gesamten Vormittag in den langen, gewundenen LKW-Schlangen der Grenzen von Serbien und Bulgarien.

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Streckenweise war das sehr frustrierend, da ich das Gefühl hatte Zeit zu verlieren, die ich mit Trampen besser hätte nutzen können. Aber die Momente in denen ich froh war einen warmen Platz zum Schlafen und nonverbale Gesellschaft zu haben überwogen schlussendlich.

Durch Serbien zu fahren erlebte ich als sehr prägend. Wir fuhren über erdige Straßen, ich konnte von weitem die halb abgerissenen Häuser sehen, die nur in seltenen Fällen verputzt waren. Die rohen Backsteinhäuser standen meist auf großen Grundstücken, auf denen möglicherweise noch ein ausgemergeltes Tier oder ein rostiger Metallhaufen zu finden war. Alles ist voll mit Straßenhunden und Katzen. Ich finde es jetzt noch schwieriger zu begreifen, dass wir den Menschen die aus diesen Situationen fliehen wollen sagen, dass sie kein Recht haben in Deutschland zu leben. Dieses Unverständnis mischt sich mit dem Bewusstsein für ein gewaltiges Privileg. Da dieses Privileg nur durch den Zufall der Geburt verteilt wird, erscheint es noch absurder, dass die privilegiert Geborenen ihre Ressourcen so vehement verteidigen. Welches Recht haben wir dazu?

Ich hatte von vielen Trampern gehört, dass der Balkan ein super Land zum Trampen sei, darunter auch Serbien. Falls es dazu kommen sollte, dass ich im Sommer den Balkan noch ausgiebiger bereisen werde, bin ich jetzt schon sehr gespannt auf die kommenden Erfahrungen und wie sich mein erster Eindruck möglicherweise verändern wird.

Die Fahrten mit Ali waren besonders gegen Ende meistens sehr lustig. Manchmal war einem von uns nach Singen und wenn es schon spät am Tag war, wurde Ali manchmal des Fahrens müde. Er brachte mir bei, wie man auf der Spur blieb, mit so einem Oschi von LKW und manchmal fuhren wir in Teamwork, er Kupplung, ich Gas und Lenkung.

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Ich hätte ihn manchmal gerne so viele Sachen gefragt. Ich habe nur herausgefunden, dass er keine Kinder hat und in Trabzon wohnt. Ich hätte ihn aber auch gerne andere Sachen über die Türkei und seinen Job gefragt. Schade, dass das nicht möglich war. Trotzdem gab es immer wieder Anzeichen für seine Persönlichkeit und seine Lebensweise. Er trank abends überhaupt kein Alkohol, weil er Angst vor der Polizei an der Grenze hatte, er beschimpfte Männer, die am Straßenrand in die Büsche pinkelten und dann erst mitten auf der Straße ihre Hose richtig hochzogen. Er versuchte mich außerdem von den anderen Truckern fernzuhalten und mich daran zu hindern am späten Abend noch alleine auf der Raststätte herumzuspazieren. Manchmal kollidierte das mit meinem Bedürfnis alleine zu sein und draußen etwas Ruhe zu finden.

Alles in allem war es eine schöne Zeit. Ich hatte enormes Glück ihn zu treffen. Ohne ihn hätten sich bestimmt andere Dinge ergeben, doch im Nachhinein kann ich es mir nicht vorstellen ohne jemanden an meiner Seite durch Serbien zu fahren, einem mir fremden Land, dass scheinbar wenige gesicherte Plätze hat und Campen im Winter somit faktisch unmöglich ist.

Teschekürederim Ali!

02.02.16 Meine Begegnung mit Ali

Gestern bin ich in Graz gestrandet. Ich hatte dort am Abend zuvor meine erste Nacht verbracht, was relativ dämlich war, da ich eine Cousine habe, die in Graz studiert! Tja. Hätte ich mal eher drauf kommen können, dann hätte ich mir in meinem kleinen Klapperzelt auch die Füße nicht so abgefroren.

Obwohl ich alles in allem sehr zufrieden mit meinem Zeltplätzchen war: von außen überhaupt nicht zu sehen, in die Bäume geschmiegt und windgeschützt. Außerdem mag ich das Gefühl sich abends in das Zelt zu verkriechen und dort ganz für sich zu sein.

Am nächsten Morgen stand ich leider sehr lange auf der Raststätte herum, quatschte Menschen an. Keiner fuhr in die Richtung Slowenien. Frustrierend.

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Doch einer:

„You go to Slowenia??“

„Yes.“

„Great! Could I come with you?“

„No.“

„But why?“

„Because I don’t know you.“

Mist. Da fehlte mir nun wirklich die Energie zu diskutieren. Sehr frustrierend.

Aber dann.

Fand ich einen Mann, einen Trucker, der sogar bis in die Türkei fuhr!

Sein Name war Ali, er trug eine braune Lederjacke mit seidigem Innenfutter, hatte einen Schnauzbart und leicht eingefallene Schultern. Leider sprach er kein einziges Wort English. So wie ich kein einziges Wort Türkisch sprach. Wir konnten uns immerhin darauf verständigen, dass wir beide in die Türkei wollten und dass er mich mitnehmen würde.

Wir fuhren also zusammen los und etablierten unseren ersten, in Zukunft immer wiederkehrenden Dialog:

„Tabia, Nasilsin?“ Tabea, wie geht’s dir?

„Iyim. Ali, Nasilsin?“ Gut. Ali, wie geht’s dir?

„Bende Iyim. Teschekürederim.“ Auch gut. Vielen Dank.

Er brachte mir noch weiter Bröckchen Türkisch bei, die ich alle auf einen Zettel zusammentrug. Zum Glück hatten wir Papier dabei, das heißt, ich konnte die Sachen die er nicht verstand auch fleißig aufmalen.

Wir fuhren also gemeinsam nach Slowenien. Das Land der bunten Häuser. Alle waren entweder orange, rosa oder grün. Und da fiel mir auf, dass ich wirklich rein gar nichts über Slowenien wusste, also lud ich mir direkt mal das APuZ-Heftchen zum Thema EU-Balkan runter (hier der Link). Leider blieben wir gar nicht lange genug dort, um sich ausgiebig über Slowenien wundern zu können. Denn schnell setzten wir nach Kroatien über und nahmen Kurs auf Zagreb. Man muss dazu sagen dass so ein LKW nicht schneller als 80 km/h fahren darf und dazu alle drei Stunden eine Stunde Pause machen muss. Die Reise zog sich somit manchmal ziemlich lang.

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Das erste Problem trat auf, als es abends darum ging wo ich schlafen würde. Ali lud mich ein mit in seinem Truck zu übernachten. Man konnte im oberen Bereich ein weiteres Bett ausklappen, die Truckkabine war beheizt, ein gemütlicher Ort zum nächtigen. Ich erklärte ihm, dass ich das nicht wollte und lieber draußen in meinem Zelt schlafen würde. Ich war felsenfest davon überzeugt, dass ich bestimmt nicht mit ihm in seiner kleinen Truckerkabine übernachten würde. Denn Annelie hatte schon Recht, ohne gemeinsame Sprache ist es sehr schwer Vertrauen zu einander zu fassen.

Nach seiner Einladung musste ich ihm also erklären, dass ich diese nicht annehmen könnte und lieber draußen in meinem Zelt übernachten würde. Ich konnte ihm das Wort Vertrauen leider nicht erklären, versuchte sogar es aufzumalen. Er hat mich glaube ich nicht verstanden und war auch wirklich sehr verwirrt darüber, wie es mich denn so aufwühlen kann, wo doch niemand bei diesem Wetter draußen schlafen wollen würde!

Hatte er ja Recht. Aber ich vertraute ihm einfach noch nicht. Obwohl ich relativ schnell das Gefühl gewann, dass er mich eher als Tochter betrachtete und somit als asexuell. Das beruhigte mich teilweise, aber sicher sein konnte ich mir nicht. Er bot mir sogar an, dass er bei einem seiner türkischen Kollegen übernachten würde um mir die Kabine zur Verfügung zu stellen. Aber das konnte ich nun wirklich nicht annehmen. Ich schwankte also dauerhaft zwischen einerseits Ungläubigkeit seiner Gastfreundschaft und anderseits Misstrauen seiner Freundlichkeit gegenüber. Schwierig, ob er freundlich war, weil er etwas wollte oder ob er einfach nur sehr gastfreundlich war. Er bezahlte mein Essen, er fragte ob ich Eltern hatte. Ich glaube er dachte ich sei ein Runaway. Aber neben seiner Gastfreundschaft gab es keine Anzeichen auf irgendwelche Hintergedanken. Keine komischen Blicke. Keine komischen Berührungen.

Am Ende überzeugte mich sein pragmatisches Unverständnis meines Campingvorhabens gegenüber. Wieso sollte ich denn ernsthaft in Erwägung ziehen draußen zu schlafen, wenn ich einen warmen Platz zum schlafen haben könnte? Ich nahm sein Angebot also an und positionierte mein Pfefferspray genau neben mir.

Lustigerweise hatte ich wirklich eine extrem angenehme Nacht. Ich hatte einen actionreichen, farbenfrohen Traum und es gab wirklich überhaupt keine Probleme.

01.02.16 Aufbruch

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Es ist der erste Tag, der Tag an dem es endlich beginnt. Doch statt Vorfreude fühle ich mich taub. Und doch ist diese Taubheit mit erwartungsvoller Spannung verbunden. Es ist eine Mischung daraus, es noch nicht ganz fassen zu können und sich der Sache nicht ganz sicher sein.

Heute werde ich losfahren und für mehrere Monate nicht mehr wiederkommen. Meine erste Station wird Lesbos sein, ich habe ein Woche Zeit dorthin zu trampen. 2300 Kilometer. Heute fängt es an. Doch wo? Und wie? Fängt die Reise hinter Friedrichshafen an? In Österreich? Sobald die Menschen kein deutsch mehr um mich herum sprechen? Ich kann es nicht sagen.

Mein erster Fahrer ist auch meine erste niederschlagende Erfahrung. Ich finde es hat eine gewisse Ironie: es ist wohl die scharfe Zunge des Schicksals, die meine Unsicherheit nicht ungenutzt lässt, um mir das Risiko das ich trage etwas anschaulicher vorzuführen. Er fährt ein getuntes Auto, sieht aus wie 35 ist aber eigentlich 50. Er fährt zum Pokerspielen, ich vermute eine verrauchte Spielhalle. Netterweise fährt er extra für mich einen Umweg und lässt mich an einer Tankstelle hinter Friedrichshafen raus. Kurz bevor ich aussteige sagt er: Wenn wir noch ne Nummer schieben, könnte ich dich auch nach Lindau bringen.

Igitt.

 

Ich bin total perplex, frage noch nach, was er denn jetzt damit bitte meint, doch als er es mit dem Wort Quickie präzisiert, wird mir wirklich fast schlecht und ich kann ihm nur sagen, wie ekelhaft ich das finde. Er nennt mich prüde und braust davon.

Ich stehe kurz bedröbbelt an der Tankstelle, fange mich und habe sogar einen kurzen ironischen Moment, wo ich über ihn lachen muss. Sowas passiert. Während ich mir schwöre niemals mehr in getunte Autos zu steigen, wird mir das Restrisiko des Unterfangens ergreifend bewusst. Egal wie viele getunte Autos ich in Zukunft vermeide, dieses Restrisiko ist niemals aus der Welt zu schaffen.

Ich quatsche einen Schüler in einem mattschwarzen BMW an, ob er in meine Richtung fährt. Er bringt mich zwar nur einige Kilometer, dafür kann ich mit ihm diese widerliche Erfahrung teilen. Es tut wirklich gut, sich räumlich von diesem Ort zu entfernen. Er ist sehr locker und genießt diesen spontanen, gemeinsamen Moment ebenso wie ich.

Später am Tag treffe ich an der Autobahnauffahrt nach München zwei weitere Tramper, es sind ein Zimmermann und eine Zimmerfrau mit einem verschmusten Hund im Schlepptau. Sie kommen aus einer ähnlichen Richtung wie ich, ich suche mir eine andere Stelle (mit Haltebucht) und fahre kurze Zeit später in Janniks Trekking Karre wieder an ihnen vorbei. Auch er liebt Abenteuerurlaub, fährt gerne mit seinem Auto und seinen Freunden zum wandern oder klettern. Er arbeitet als Messe-event-manager bei einem großen Getreidezulieferer und konzipiert Messestände. Die Fahrt bis kurz vor München geht schnell vorbei.

Eine grün geschminkte, herzliche lachende Frau und eine motorisierte Stadttour durch München später, lande ich auf einer großen Raststätte hinter München. Ich erspähe einen fetten weißen BMW, der ein Kennzeichen nach Ljubljana trägt. Ich wandere vor dem Auto auf und ab, versuche mir den Besitzer oder die Besitzerin vorzustellen und beschwöre mich, egal wie er oder sie aussieht, auf jeden Fall zu fragen, ob er oder sie mich mitnimmt. Während ich draußen rumstehe, erwärmt mich die Vorstellung, heute Nacht vielleicht schon in Slowenien zu sein. Das Auto der blonden, bebrillten Frau ist allerdings schon voll und entgegen dem Tipp, weiterhin Leute mit österreichischem oder slowakischem Kennzeichen anzusprechen, wandere ich an den Ausgang der Raststätte und halte in klassischer Manier meinen Daumen in den Wind.

Es ist nicht besonders viel Verkehr am Ausgang der Raststätte, trotzdem, hält ein kleines Auto schnell an. Eine blonde Frau, mit vollgestopftem Auto, kann mich bis nach Graz mitnehmen. Juhuu!

Wider dem ersten Eindruck, ist sie eine erfolgreiche Ärztin, die gerade ihren Job, der Leitung einer Klinik hingeschmissen hat. Wir haben eine lustige und sehr interessante Zeit auf dem Weg nach Graz, meinem heutigen Tagesziel. Ich bin meinem Ziel nun 600 Kilometer näher.

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Sie erzählt mir, dass sie das deutsche Gesundheitssystem zu durchökonomisiert findet, dass sie nun ein Sabbatical macht und ein Implantat entwickelt hat das sich „wie eine Sprudeltablette“ nach gewisser Zeit selbst auflöst. Sie hat lange in der Unfallchirurgie gearbeitet, sagt aber, dass sie trotzdem kein gestörtes Risikobewusstsein hat. Ihr Mann ist wie mein Vater Ingenieur und sie hat eine Tochter in meinem Alter, was glaube ich ihren Mutterinstinkt etwas triggert. Wir diskutieren über die Flüchtlingssituation in Deutschland und über ausländische Ärzte. Sie erzählt mir von der deutschenfeindlichen Haltung vieler Österreicher, während wir durch ein wunderschönes Bergpanorama fahren und zwei spiegelglatte Seen passieren. Ich habe außerdem gelernt, dass Österreich nur um die 8 Millionen Einwohner hat und Graz mit 250.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Österreichs ist, obwohl ich es auf meiner Karte die ganze Zeit übersehe. Um acht Uhr lässt sie mich einer Raststätte raus, wo ich die Nacht verbringen werde.

Nach der heutigen Erfahrung am Morgen hat sich meine leichte Paranoia vor LKW-Fahrern, mit denen ich vor kurzem noch guter Dinge mitgefahren bin, etwas verschlimmert. Ich versuche von den anwesenden LKWs und ihren Fahrern einfach nicht gesehen zu werden und wandere auf der Suche nach einem geeigneten Platz für mein Zeltchen an einem Fluss entlang. Es ist sehr spannend, wie man sein Gehör schult, wenn man sich im Dunkeln in der Natur befindet. Unter das Rauschen des Flusses mischen sich nämlich Geräusche, die wie ein entferntes Gespräch klingen. Doch nach kurzem Innehalten bin ich mir sicher, dass diese menschlichen Gesprächsfetzen wirklich zur Melodie des Flusses gehören und es bringt mich nicht mehr in Unruhe.

Ich versuchte den Fluss zu überqueren, weil die andere Seite perfekt vor fremden Blicken geschützt ist, doch nachdem ich einige Minuten über die nassen Felsen surfe, entscheide ich mich, dass das Risiko eines komplett durchnässten Körpers, bei einer kalten Nacht im Freien wirklich das letzte ist, was ich jetzt gebrauchen kann. Ich finde mich also mit der Unüberwindbarkeit des Flusses ab und verkrieche mich auf eine kleine Anhöhe zwischen die Bäume. Ich bin zwar relativ nah an den LKWs dran, doch ich fühle mich gut versteckt und bin mir immer noch sicher unbeobachtet zu sein. Ich baue also mein Zelt auf und werfe alle meine Sachen hinein.

Als die Unruhe von den vielen Geräuschen und den umliegenden LKWs nicht abflauen will, lege ich mich auf meine Isomatte, beobachte die Zeltwand und lausche den fremden Geräuschen, um mich mit ihnen vertraut zu machen. Von rechts hört man die Autobahn. Hinter mir höre ich vereinzelte Autotüren knallen und von links, hört man ein lautes Radio, was vermutlich in einer LKW-Führerkabine läuft. Später hört es auf.

Wenn die LKWs allerdings auf die Raststätte fahren, sehe ich an der rechten Fläche meines Zeltes flackerndes Licht.

Nach dieser Observation fühle ich mich viel ruhiger, vertrauter. Ich höre ein Stück Musik, es ist ein Kontrollverlust, weil ich das wichtige Hören für wenige Minuten aufgeben muss. Es heitert mich jedoch auch auf. Ich bin guter Dinge, morgen kann es weitergehen. Bevor ich schlafen gehe, befestige ich meinen Rucksack am Reißveschluss des Zeltes und lege das Pfefferspray in Reichweite.