Reisekonzept

Irgendwann letztes Jahr begann ich davon zu träumen, nur mit Handgepäck zu reisen. Es war vermutlich auf einem Spaziergang bei dem man einen Happen Essen, eine Flasche Wasser und eine Jacke zum Überziehen dabei hat. Man fühlt sich ganz gut auf alles vorbereitet und solange das Wetter lau ist, kann man ewig weitergehen, bis der Weg aufhört. Der Rucksack ist leicht, es ist nur das Nötigste darin, eigentlich bemerkt man ihn gar nicht.

Wenn man nun genau dieses Reisegefühl auf eine längere Reise projizieren könnte, hätte man keinen Stress mehr mit lästigem Gepäck und könnte sich problemlos sowohl motorisiert, als auch zu Fuß fortbewegen. Am besten ist das Konzept des minimalistischen Reisens offenbar im Sommer umzusetzen. Die Klamotten sind dünn, es gibt keine großen Skihosen oder dicke Winterjacken und –schuhe, die im Rucksack Platz wegnehmen.

Das Problem des kalten Wetters kam auch mir in den Weg. Da ich im Februar losreiste und es um diese Jahreszeit wirklich noch kalt war, konnte ich nicht nur mit Handgepäck reisen. Außerdem stellt sich auch die Idee des Campens dem leichten Gepäck in den Weg. Das Zelt, mit dem ich zur Zeit reise, wiegt zwei Kilo und mein Schlafsack wiegt auch ein Kilo. Plus Computer (ca ein Kilo), Jeanshosen (1 Kilo) und sehr viel Kleinkram kam ich auf ungefähr 10 Kilo.

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Ein weiterer großer Punkt, der meine Reisepläne einschränkte, war der Wille und die Notwendigkeit so wenig Geld wie möglich auszugeben. Einerseits, weil ich es schön finde zu wissen, dass ich ohne Geld sehr weit kommen kann, wenn ich möchte. Andererseits, weil man so eine lange Reise nicht begehen kann, wenn man jeden Tag 50,- € ausgibt. (50,- € x 31 = 1550,- €). Natürlich kommt es dabei auch darauf an, wo man sich aufhält. Ob man in der Stadt ist oder auf dem Land. Man kann das Budget möglicherweise auch aufteilen, in Phasen, in denen man mehr ausgeben muss (durch Miete oder Hostelausgaben) und andere Phasen, wo man seine Ausgaben auf ein Minimum reduziert.

Die Fragen die ich mir also stellte, waren die folgenden:

Wo kann und will ich beim Reisen Geld sparen?

  • Nicht für Unterkunft bezahlen, lieber Wildcampen und Couchsurfen.
  • Nicht für Transport bezahlen, lieber trampen.
  • Für Essen nur im Notfall nicht bezahlen, dann containern.

Wildcampen:

Wildcampen geht in vielen Ländern sehr gut und meistens herrscht die Regelung vor, auf vielen Plätzen für eine Nacht bleiben zu dürfen. Solange man keinen Müll hinterlässt läuft das meistens gut. Das zweite, was man beachten muss sind die Kontrollmechanismen. Wenn niemand kontrolliert, juckt Wildcampen auch niemand. Sonst ist mein Motto auch gerne: wenn man sich vorher informiert, ist man schuldbewusster und somit im Nachteil. Also lieber keine Ahnung haben. Dazu muss man fairerweise sagen, dass ich damit bisher noch nie auf die Nase gefallen bin.

Couchsurfen:

Couchsurfen ist einfach supertoll. Egal wo man hinkommt, in jeder größeren und kleineren Stadt, gibt es ein Mitglied dieser Community. Die Möglichkeit auf Gastfreundlichkeit und Weltoffenheit. In der Türkei wurde mir das das erste Mal richtig bewusst. Ich kam in eine Stadt, wo ich niemanden kannte, die mir fremd war. Es wurde langsam dunkel, aber ich konnte mir sicher sein, dass ich ein warmes Bett und tolle Gesellschaft haben würde. Einfach einzigartig.

Trampen:

Trampen ist ein besonderes Thema. Ich finde es einfach nur spannend und abenteuerlich. Ich möchte dazu jedoch gerne einen ganzen Beitrag schreiben, deswegen an dieser Stelle nur soviel dazu.

Soviel ist zunächst zum Reisekonzept zu verlauten. Nachdenkliche Zweifel und Anregungen daran kommen innerhalb der Beiträge vor.

05.02.16 Abschied und Grenzübertritt

Meine Reise mit Ali endet zwei Stunden und 2000 Meter vor der türkischen Grenze. Denn obwohl wir schon ganz nah an der Grenze sind, bewegt sich die LKW-Schlange alle zwanzig Minuten ca. 200 Meter. Ali und ich haben vorher beschlossen uns in Edirne, der Grenzstadt auf der türkischen Seite zu trennen. Von dort aus würde ich dann überlegen, ob ich weiter trampe oder den Bus nehme. Eigentlich will Ali unbedingt, dass ich den Bus nehme, weil er trampen zu gefährlich findet. Aber ich habe ihm verboten weitere Einwände vorzubringen. Daran hält er sich.

Nach zwei langen Stunden, die ich mit Ali im Truck vor der Grenze verbringe beschließe ich mich abzusetzen. Zwei weitere Stunden warten, um sich dann hinter der Grenze sowieso zu trennen? Er sieht das auch ein, und wir umarmen uns feierlich zwischen den beiden Sitzen des Trucks. Ich bedanke mich bei ihm, er drückt mir die restlichen Bier vom Vorabend in die Hand. Fünf Stück.

Dann springe ich aus dem LKW, er gibt mir meinen Rucksack und ich laufe los. Seit dreieinhalb Tagen, die ich nur mit Ali verbracht habe, wieder alleine. Es macht Spaß zu laufen und in der Kälte zu sein. Ich laufe entlang der Landstraße auf die Grenze zu, keiner hält, also passiere ich die Grenze, die selbst ca. 2000 Meter breit ist, laufend. Es ist ganz witzig, weil die Grenze natürlich eigentlich für Autos ausgelegt ist. Ich komme also auf eine Autoschlange zu, was macht man dann? Stellt man sich hinten an?

Ich laufe vor zum Häuschen und werde winkend vorgezogen. Über den Grenzgebäuden hängen natürlich eine riesige EU-Flagge, sowie eine große Türkei-Flagge. Beides erscheint mir überdimensioniert und pathetisch. Noch einige Schritte vorher habe ich halb zerfallene Grenzhäuschen gesehen, verrostete Zäune. Obwohl es sich bei diesen Dingen noch nicht um die richtige Grenze handelt, ist es doch eine passende Parodie. In den Grenzschlangen sehe ich einen Porsche aus München. Aber auch die nehmen mich nicht mit.

Wo ich hinmöchte, fragen mich die Grenzbeamten. Nach Lesbos. Und warum? Ich möchte Freunde besuchen. Auf Lesbos sind sehr viele Flüchtlinge gerade, dort ist es sehr gefährlich. Ja, ich weiß. Der Beamte schaut mich scharf an. Eine Kollegin kommt rein, er verliert sein Interesse an mir, scannt meinen Pass und stempelt ihn ab.

Ich laufe frohen Mutes weiter, über Parkplätze, an Duty-free-Shops vorbei, bis ich durch die letzte Kontrolle komme und endlich die Türkei erreicht habe. Mein erster Begleiter ist ein gefährlich aussehender Straßenhund. Ich habe erst Angst vor ihm und stelle mir vor, wie ich ihm meine Biertüte auf die Schnauze schleudern muss. Aber er hat selbst Angst vor mir, obwohl er sehr groß ist. Während ich versuche mitgenommen zu werden, sitzt er in sicherer Entfernung und starrt in die Gegend.

Der erste der anhält, ist ein kleines zusammengefallenes Taxi. Ich winke ihn weiter. Der nächste Anhalter ist ein Bus. Drei türkische Lira bis nach Edirne. Wie viel Euro sind das? Einer.

Ich springe in den Bus.

02. – 05.02.16 Überfahrt mit Ali

Am Ende war ich drei Nächte und vier Tage mit Ali unterwegs im Nachhinein eine für mich interessante Zeit. Mein finales Fazit, nämlich dass ich mit Ali einen der fürsorglichsten und gastfreundlichsten Menschen getroffen hatte, konnte ich erst nach unserem Abschied ziehen. Während unserer gemeinsamen Zeit vertraute ich ihm zwar stückchenweise immer mehr, doch Sicherheit hatte ich nie. Das Vertrauen stellte sich schlussendlich erst nach unserem Abschied ein.

Unsere Tage begannen regelmäßig sehr früh, dann aßen wir meist gegen elf oder zwölf fuhren dann weitere drei Stunden und machten dann entweder Schluss oder fuhren weitere zwei bis drei Stunden. Wir fuhren also zwischen sieben und acht Stunden pro Tag. Leider standen wir an zwei Tagen den gesamten Vormittag in den langen, gewundenen LKW-Schlangen der Grenzen von Serbien und Bulgarien.

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Streckenweise war das sehr frustrierend, da ich das Gefühl hatte Zeit zu verlieren, die ich mit Trampen besser hätte nutzen können. Aber die Momente in denen ich froh war einen warmen Platz zum Schlafen und nonverbale Gesellschaft zu haben überwogen schlussendlich.

Durch Serbien zu fahren erlebte ich als sehr prägend. Wir fuhren über erdige Straßen, ich konnte von weitem die halb abgerissenen Häuser sehen, die nur in seltenen Fällen verputzt waren. Die rohen Backsteinhäuser standen meist auf großen Grundstücken, auf denen möglicherweise noch ein ausgemergeltes Tier oder ein rostiger Metallhaufen zu finden war. Alles ist voll mit Straßenhunden und Katzen. Ich finde es jetzt noch schwieriger zu begreifen, dass wir den Menschen die aus diesen Situationen fliehen wollen sagen, dass sie kein Recht haben in Deutschland zu leben. Dieses Unverständnis mischt sich mit dem Bewusstsein für ein gewaltiges Privileg. Da dieses Privileg nur durch den Zufall der Geburt verteilt wird, erscheint es noch absurder, dass die privilegiert Geborenen ihre Ressourcen so vehement verteidigen. Welches Recht haben wir dazu?

Ich hatte von vielen Trampern gehört, dass der Balkan ein super Land zum Trampen sei, darunter auch Serbien. Falls es dazu kommen sollte, dass ich im Sommer den Balkan noch ausgiebiger bereisen werde, bin ich jetzt schon sehr gespannt auf die kommenden Erfahrungen und wie sich mein erster Eindruck möglicherweise verändern wird.

Die Fahrten mit Ali waren besonders gegen Ende meistens sehr lustig. Manchmal war einem von uns nach Singen und wenn es schon spät am Tag war, wurde Ali manchmal des Fahrens müde. Er brachte mir bei, wie man auf der Spur blieb, mit so einem Oschi von LKW und manchmal fuhren wir in Teamwork, er Kupplung, ich Gas und Lenkung.

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Ich hätte ihn manchmal gerne so viele Sachen gefragt. Ich habe nur herausgefunden, dass er keine Kinder hat und in Trabzon wohnt. Ich hätte ihn aber auch gerne andere Sachen über die Türkei und seinen Job gefragt. Schade, dass das nicht möglich war. Trotzdem gab es immer wieder Anzeichen für seine Persönlichkeit und seine Lebensweise. Er trank abends überhaupt kein Alkohol, weil er Angst vor der Polizei an der Grenze hatte, er beschimpfte Männer, die am Straßenrand in die Büsche pinkelten und dann erst mitten auf der Straße ihre Hose richtig hochzogen. Er versuchte mich außerdem von den anderen Truckern fernzuhalten und mich daran zu hindern am späten Abend noch alleine auf der Raststätte herumzuspazieren. Manchmal kollidierte das mit meinem Bedürfnis alleine zu sein und draußen etwas Ruhe zu finden.

Alles in allem war es eine schöne Zeit. Ich hatte enormes Glück ihn zu treffen. Ohne ihn hätten sich bestimmt andere Dinge ergeben, doch im Nachhinein kann ich es mir nicht vorstellen ohne jemanden an meiner Seite durch Serbien zu fahren, einem mir fremden Land, dass scheinbar wenige gesicherte Plätze hat und Campen im Winter somit faktisch unmöglich ist.

Teschekürederim Ali!

02.02.16 Meine Begegnung mit Ali

Gestern bin ich in Graz gestrandet. Ich hatte dort am Abend zuvor meine erste Nacht verbracht, was relativ dämlich war, da ich eine Cousine habe, die in Graz studiert! Tja. Hätte ich mal eher drauf kommen können, dann hätte ich mir in meinem kleinen Klapperzelt auch die Füße nicht so abgefroren.

Obwohl ich alles in allem sehr zufrieden mit meinem Zeltplätzchen war: von außen überhaupt nicht zu sehen, in die Bäume geschmiegt und windgeschützt. Außerdem mag ich das Gefühl sich abends in das Zelt zu verkriechen und dort ganz für sich zu sein.

Am nächsten Morgen stand ich leider sehr lange auf der Raststätte herum, quatschte Menschen an. Keiner fuhr in die Richtung Slowenien. Frustrierend.

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Doch einer:

„You go to Slowenia??“

„Yes.“

„Great! Could I come with you?“

„No.“

„But why?“

„Because I don’t know you.“

Mist. Da fehlte mir nun wirklich die Energie zu diskutieren. Sehr frustrierend.

Aber dann.

Fand ich einen Mann, einen Trucker, der sogar bis in die Türkei fuhr!

Sein Name war Ali, er trug eine braune Lederjacke mit seidigem Innenfutter, hatte einen Schnauzbart und leicht eingefallene Schultern. Leider sprach er kein einziges Wort English. So wie ich kein einziges Wort Türkisch sprach. Wir konnten uns immerhin darauf verständigen, dass wir beide in die Türkei wollten und dass er mich mitnehmen würde.

Wir fuhren also zusammen los und etablierten unseren ersten, in Zukunft immer wiederkehrenden Dialog:

„Tabia, Nasilsin?“ Tabea, wie geht’s dir?

„Iyim. Ali, Nasilsin?“ Gut. Ali, wie geht’s dir?

„Bende Iyim. Teschekürederim.“ Auch gut. Vielen Dank.

Er brachte mir noch weiter Bröckchen Türkisch bei, die ich alle auf einen Zettel zusammentrug. Zum Glück hatten wir Papier dabei, das heißt, ich konnte die Sachen die er nicht verstand auch fleißig aufmalen.

Wir fuhren also gemeinsam nach Slowenien. Das Land der bunten Häuser. Alle waren entweder orange, rosa oder grün. Und da fiel mir auf, dass ich wirklich rein gar nichts über Slowenien wusste, also lud ich mir direkt mal das APuZ-Heftchen zum Thema EU-Balkan runter (hier der Link). Leider blieben wir gar nicht lange genug dort, um sich ausgiebig über Slowenien wundern zu können. Denn schnell setzten wir nach Kroatien über und nahmen Kurs auf Zagreb. Man muss dazu sagen dass so ein LKW nicht schneller als 80 km/h fahren darf und dazu alle drei Stunden eine Stunde Pause machen muss. Die Reise zog sich somit manchmal ziemlich lang.

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Das erste Problem trat auf, als es abends darum ging wo ich schlafen würde. Ali lud mich ein mit in seinem Truck zu übernachten. Man konnte im oberen Bereich ein weiteres Bett ausklappen, die Truckkabine war beheizt, ein gemütlicher Ort zum nächtigen. Ich erklärte ihm, dass ich das nicht wollte und lieber draußen in meinem Zelt schlafen würde. Ich war felsenfest davon überzeugt, dass ich bestimmt nicht mit ihm in seiner kleinen Truckerkabine übernachten würde. Denn Annelie hatte schon Recht, ohne gemeinsame Sprache ist es sehr schwer Vertrauen zu einander zu fassen.

Nach seiner Einladung musste ich ihm also erklären, dass ich diese nicht annehmen könnte und lieber draußen in meinem Zelt übernachten würde. Ich konnte ihm das Wort Vertrauen leider nicht erklären, versuchte sogar es aufzumalen. Er hat mich glaube ich nicht verstanden und war auch wirklich sehr verwirrt darüber, wie es mich denn so aufwühlen kann, wo doch niemand bei diesem Wetter draußen schlafen wollen würde!

Hatte er ja Recht. Aber ich vertraute ihm einfach noch nicht. Obwohl ich relativ schnell das Gefühl gewann, dass er mich eher als Tochter betrachtete und somit als asexuell. Das beruhigte mich teilweise, aber sicher sein konnte ich mir nicht. Er bot mir sogar an, dass er bei einem seiner türkischen Kollegen übernachten würde um mir die Kabine zur Verfügung zu stellen. Aber das konnte ich nun wirklich nicht annehmen. Ich schwankte also dauerhaft zwischen einerseits Ungläubigkeit seiner Gastfreundschaft und anderseits Misstrauen seiner Freundlichkeit gegenüber. Schwierig, ob er freundlich war, weil er etwas wollte oder ob er einfach nur sehr gastfreundlich war. Er bezahlte mein Essen, er fragte ob ich Eltern hatte. Ich glaube er dachte ich sei ein Runaway. Aber neben seiner Gastfreundschaft gab es keine Anzeichen auf irgendwelche Hintergedanken. Keine komischen Blicke. Keine komischen Berührungen.

Am Ende überzeugte mich sein pragmatisches Unverständnis meines Campingvorhabens gegenüber. Wieso sollte ich denn ernsthaft in Erwägung ziehen draußen zu schlafen, wenn ich einen warmen Platz zum schlafen haben könnte? Ich nahm sein Angebot also an und positionierte mein Pfefferspray genau neben mir.

Lustigerweise hatte ich wirklich eine extrem angenehme Nacht. Ich hatte einen actionreichen, farbenfrohen Traum und es gab wirklich überhaupt keine Probleme.

01.02.16 Aufbruch

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Es ist der erste Tag, der Tag an dem es endlich beginnt. Doch statt Vorfreude fühle ich mich taub. Und doch ist diese Taubheit mit erwartungsvoller Spannung verbunden. Es ist eine Mischung daraus, es noch nicht ganz fassen zu können und sich der Sache nicht ganz sicher sein.

Heute werde ich losfahren und für mehrere Monate nicht mehr wiederkommen. Meine erste Station wird Lesbos sein, ich habe ein Woche Zeit dorthin zu trampen. 2300 Kilometer. Heute fängt es an. Doch wo? Und wie? Fängt die Reise hinter Friedrichshafen an? In Österreich? Sobald die Menschen kein deutsch mehr um mich herum sprechen? Ich kann es nicht sagen.

Mein erster Fahrer ist auch meine erste niederschlagende Erfahrung. Ich finde es hat eine gewisse Ironie: es ist wohl die scharfe Zunge des Schicksals, die meine Unsicherheit nicht ungenutzt lässt, um mir das Risiko das ich trage etwas anschaulicher vorzuführen. Er fährt ein getuntes Auto, sieht aus wie 35 ist aber eigentlich 50. Er fährt zum Pokerspielen, ich vermute eine verrauchte Spielhalle. Netterweise fährt er extra für mich einen Umweg und lässt mich an einer Tankstelle hinter Friedrichshafen raus. Kurz bevor ich aussteige sagt er: Wenn wir noch ne Nummer schieben, könnte ich dich auch nach Lindau bringen.

Igitt.

 

Ich bin total perplex, frage noch nach, was er denn jetzt damit bitte meint, doch als er es mit dem Wort Quickie präzisiert, wird mir wirklich fast schlecht und ich kann ihm nur sagen, wie ekelhaft ich das finde. Er nennt mich prüde und braust davon.

Ich stehe kurz bedröbbelt an der Tankstelle, fange mich und habe sogar einen kurzen ironischen Moment, wo ich über ihn lachen muss. Sowas passiert. Während ich mir schwöre niemals mehr in getunte Autos zu steigen, wird mir das Restrisiko des Unterfangens ergreifend bewusst. Egal wie viele getunte Autos ich in Zukunft vermeide, dieses Restrisiko ist niemals aus der Welt zu schaffen.

Ich quatsche einen Schüler in einem mattschwarzen BMW an, ob er in meine Richtung fährt. Er bringt mich zwar nur einige Kilometer, dafür kann ich mit ihm diese widerliche Erfahrung teilen. Es tut wirklich gut, sich räumlich von diesem Ort zu entfernen. Er ist sehr locker und genießt diesen spontanen, gemeinsamen Moment ebenso wie ich.

Später am Tag treffe ich an der Autobahnauffahrt nach München zwei weitere Tramper, es sind ein Zimmermann und eine Zimmerfrau mit einem verschmusten Hund im Schlepptau. Sie kommen aus einer ähnlichen Richtung wie ich, ich suche mir eine andere Stelle (mit Haltebucht) und fahre kurze Zeit später in Janniks Trekking Karre wieder an ihnen vorbei. Auch er liebt Abenteuerurlaub, fährt gerne mit seinem Auto und seinen Freunden zum wandern oder klettern. Er arbeitet als Messe-event-manager bei einem großen Getreidezulieferer und konzipiert Messestände. Die Fahrt bis kurz vor München geht schnell vorbei.

Eine grün geschminkte, herzliche lachende Frau und eine motorisierte Stadttour durch München später, lande ich auf einer großen Raststätte hinter München. Ich erspähe einen fetten weißen BMW, der ein Kennzeichen nach Ljubljana trägt. Ich wandere vor dem Auto auf und ab, versuche mir den Besitzer oder die Besitzerin vorzustellen und beschwöre mich, egal wie er oder sie aussieht, auf jeden Fall zu fragen, ob er oder sie mich mitnimmt. Während ich draußen rumstehe, erwärmt mich die Vorstellung, heute Nacht vielleicht schon in Slowenien zu sein. Das Auto der blonden, bebrillten Frau ist allerdings schon voll und entgegen dem Tipp, weiterhin Leute mit österreichischem oder slowakischem Kennzeichen anzusprechen, wandere ich an den Ausgang der Raststätte und halte in klassischer Manier meinen Daumen in den Wind.

Es ist nicht besonders viel Verkehr am Ausgang der Raststätte, trotzdem, hält ein kleines Auto schnell an. Eine blonde Frau, mit vollgestopftem Auto, kann mich bis nach Graz mitnehmen. Juhuu!

Wider dem ersten Eindruck, ist sie eine erfolgreiche Ärztin, die gerade ihren Job, der Leitung einer Klinik hingeschmissen hat. Wir haben eine lustige und sehr interessante Zeit auf dem Weg nach Graz, meinem heutigen Tagesziel. Ich bin meinem Ziel nun 600 Kilometer näher.

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Sie erzählt mir, dass sie das deutsche Gesundheitssystem zu durchökonomisiert findet, dass sie nun ein Sabbatical macht und ein Implantat entwickelt hat das sich „wie eine Sprudeltablette“ nach gewisser Zeit selbst auflöst. Sie hat lange in der Unfallchirurgie gearbeitet, sagt aber, dass sie trotzdem kein gestörtes Risikobewusstsein hat. Ihr Mann ist wie mein Vater Ingenieur und sie hat eine Tochter in meinem Alter, was glaube ich ihren Mutterinstinkt etwas triggert. Wir diskutieren über die Flüchtlingssituation in Deutschland und über ausländische Ärzte. Sie erzählt mir von der deutschenfeindlichen Haltung vieler Österreicher, während wir durch ein wunderschönes Bergpanorama fahren und zwei spiegelglatte Seen passieren. Ich habe außerdem gelernt, dass Österreich nur um die 8 Millionen Einwohner hat und Graz mit 250.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Österreichs ist, obwohl ich es auf meiner Karte die ganze Zeit übersehe. Um acht Uhr lässt sie mich einer Raststätte raus, wo ich die Nacht verbringen werde.

Nach der heutigen Erfahrung am Morgen hat sich meine leichte Paranoia vor LKW-Fahrern, mit denen ich vor kurzem noch guter Dinge mitgefahren bin, etwas verschlimmert. Ich versuche von den anwesenden LKWs und ihren Fahrern einfach nicht gesehen zu werden und wandere auf der Suche nach einem geeigneten Platz für mein Zeltchen an einem Fluss entlang. Es ist sehr spannend, wie man sein Gehör schult, wenn man sich im Dunkeln in der Natur befindet. Unter das Rauschen des Flusses mischen sich nämlich Geräusche, die wie ein entferntes Gespräch klingen. Doch nach kurzem Innehalten bin ich mir sicher, dass diese menschlichen Gesprächsfetzen wirklich zur Melodie des Flusses gehören und es bringt mich nicht mehr in Unruhe.

Ich versuchte den Fluss zu überqueren, weil die andere Seite perfekt vor fremden Blicken geschützt ist, doch nachdem ich einige Minuten über die nassen Felsen surfe, entscheide ich mich, dass das Risiko eines komplett durchnässten Körpers, bei einer kalten Nacht im Freien wirklich das letzte ist, was ich jetzt gebrauchen kann. Ich finde mich also mit der Unüberwindbarkeit des Flusses ab und verkrieche mich auf eine kleine Anhöhe zwischen die Bäume. Ich bin zwar relativ nah an den LKWs dran, doch ich fühle mich gut versteckt und bin mir immer noch sicher unbeobachtet zu sein. Ich baue also mein Zelt auf und werfe alle meine Sachen hinein.

Als die Unruhe von den vielen Geräuschen und den umliegenden LKWs nicht abflauen will, lege ich mich auf meine Isomatte, beobachte die Zeltwand und lausche den fremden Geräuschen, um mich mit ihnen vertraut zu machen. Von rechts hört man die Autobahn. Hinter mir höre ich vereinzelte Autotüren knallen und von links, hört man ein lautes Radio, was vermutlich in einer LKW-Führerkabine läuft. Später hört es auf.

Wenn die LKWs allerdings auf die Raststätte fahren, sehe ich an der rechten Fläche meines Zeltes flackerndes Licht.

Nach dieser Observation fühle ich mich viel ruhiger, vertrauter. Ich höre ein Stück Musik, es ist ein Kontrollverlust, weil ich das wichtige Hören für wenige Minuten aufgeben muss. Es heitert mich jedoch auch auf. Ich bin guter Dinge, morgen kann es weitergehen. Bevor ich schlafen gehe, befestige ich meinen Rucksack am Reißveschluss des Zeltes und lege das Pfefferspray in Reichweite.

Wieso eigentlich Pause machen?

Im Herbst letzten Jahres, als ich das dritte Semester meines Studiums nach der Sommerpause wieder aufnahm, hatte ich das erste Mal dieses Gefühl. Ich startete wieder ins Studium und fühlte mich, als könnte ich ein belebendes Anhalten, eine befreitere Brust, ein abenteuerliches Anders gebrauchen. Die letzten Züge des Sommers saßen mir wohl noch in den Knochen, die viele freie Zeit und den freien Kopf, sie hatten mir diesen Duft in die Nase gesetzt, den Duft des wilden Abenteuers und des Tanzes außerhalb der Reihen.

Ich fasste also den Entschluss, das nächste Semester frei zu nehmen, wenigstens ein Praktikum zu machen und in meinem Hirn Platz für andere Brillen und Sichten zu machen.

Was das konkret bedeutet?

Vieles.

Ich konnte mir vorstellen, theoretisches Wissen in einer ausländischen Forschungseinrichtung umzusetzen. Ebenso könnte ich ein Praktikum machen, in einer politischen NGO, einem kulturellen Zentrum, einer Einrichtung für Start-Ups, einer humanitären Organisation mit Flüchtlingen.

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Ein weiterer Anspruch war, neue Leistungs- und Qualitätsmaßstäbe zu erleben. Im universitären Leben findet automatisch die implizite Vermittlung von Maßstäben statt. Schlau zu sein, stringent argumentieren zu können, Theorien verstehen und neu zusammen basteln, werden zu akzeptierten Zielen. Kommilitonen, die diese Ziele ebenso zielstrebig verfolgen, prägen dein Umfeld und dein eigenes Verständnis von Wert und Wichtigkeit. Wenn ich allerdings an die Stimmung denke, sich mit anderen Reisenden auszutauschen, die an so viele Orte wie möglich kommen möchten, so ungebunden und unabhängig wie möglich sein wollen. Dann ist das ein ähnliches Leistungssystem, was mir die Austauschbarkeit von Maßstäben, abhängig vom eigenen Umfeld sehr stark vor Augen führt. Um diesen Leistungsbegriff zu relativieren, wollte ich also erst einmal aus der bubble der Universität heraus.

Das Ziel, das sich aus diesen Gedanken herausschälte war: eigene Maßstäbe zu finden. Ich möchte nicht den Anspruch haben, mich von jeglicher Fremdbestimmung zu lösen, aber ich möchte herausfinden, wie ich leben möchte. Ich wollte also auch erstmal einfach nur Urlaub. Raus aus diesem Leistungskontext und rein in die formlose, erwartungslose und fließende Zeit!

Doch natürlich wurde mir bald klar, dass man das herausfordernde und das erwartungslose Leben nicht einfach von einander trennen konnte. Denn ein neues Ziel vom Reisengehen war: politische, kulturelle und historische Hintergründe der Reiseländer kennenlernen. Viel mit den Einheimischen reden, aber das Wissen auch mit Zeitungsartikeln ergänzen und fundieren. So bewegte sich der Reisegeist sehr schnell wieder in einer Erwartungshaltung. Doch die wird man wohl nie los.

Der letzte wichtige Aspekt, der meine Reiseentscheidung prägte, war, dass ich in anderen Ländern Erfahrungen mit Flüchtlingen sammeln wollte. Durch mein Engagement in Friedrichshafen war ich neugierig darauf, wie andere Länder, die ökonomisch sehr viel schwächer als Deutschland sind, mit Herausforderungen von Integration und Parallelgesellschaften umgehen. Eng damit verbunden war mein Wunsch, in einem muslimisch geprägten Land zu leben und mein (bisher noch sehr begrenztes) Arabisch zu verbessern.

Doch Wohin?

Meine Entscheidung viel auf eine größere Region, in der ich einerseits die Möglichkeit hatte Arabisch zu lernen, aber auch an die Grenzen Europas zu stoßen. Meine Reise sollte in Griechenland beginnen: auf der Insel Lesbos würde ich einen Monat Freiwilligendienst machen. Danach möchte ich einen Monat in Istanbul verbringen und den Rest der Reise von Wetter, Land und Leuten abhängig machen. Das klingt zunächst sehr banal und gleichgültig, doch in diesem Ausdruck liegt eine entscheidende Pointe, für mein Reisegefühl. Es ist mir sehr wichtig spontan zu sein und meinem Bauchgefühl auch in größeren Entscheidungen folgen zu können. Außerdem verschafft mir erst der Aufenthalt in einem Land eine größere Sicherheit, weil ich ein besseres Verständnis für die Region, die Menschen und die Normalitäten entwickeln kann. Weiterhin gibt es immer situative Faktoren, die man in seine Entscheidungen einbeziehen muss und das Reise- und Lebensgefühl grundsätzlich beeinflussen können. Diese Art, frei entscheiden zu können wann ich wo hingehen möchte, ist also geplante Planlosigkeit.

Was ich allerdings sicher weiß, ist, dass ich neben Griechenland und der Türkei auch Iran, Libanon, Israel und Jordanien bereisen möchte. Im Moment sieht es danach aus als müsste ich erst nach Israel und dann in den Iran einreisen (wegen Passstempelangelegenheiten), aber ich werde mich da auch vor Ort nochmal schlau machen.

Mir ist einerseits bewusst, dass diese Länder für Reisende eine große Herausforderung sind, aber andererseits reizt mich der Aspekt, dass es viele Meinungen und wenig Erfahrungswerte über Reisen in diesen Ländern gibt. Ähnlich ist das beim Trampen. Viele Menschen haben Angst davor und raten dir davon ab, aber die wenigsten haben wirklich eigene Erfahrungen. Und so ähnlich sehe ich es auch in den aufgeführten Ländern. Es gibt dort gefährliche politische Gruppen und brenzlige Situationen und doch findet unter diesem Schleier der Gefahr, den wir von außen vordergründig wahrnehmen, so viel Normalität und Alltag statt, dass die Mischung aus beidem mich so reizt, diese Länder näher kennenzulernen.

Also wieder zurück zum Anfang:

Eine Woche vor der Reise.

Heute ist der 23.Januar, die Planung sagt: Ich fahre am 1. Februar los Richtung Griechenland, habe sieben Tage Zeit um 2300 km zurückzulegen. Ich werde entweder trampen, oder Bus fahren. Entweder campen, oder couchsurfen.

Eine Woche vorher setzt der Bammel langsam ein, ich glaube gutes Wetter würde die Stimmung und die Vorfreude etwas heben. Doch im Moment gibt es hier in Berlin Minusgrade, Eis und Kälte und nur vereinzelt etwas aufmunternden Sonnenschein.

Trotz des schlechten Wetters gibt es sie immer wieder: die Momente, in denen ich aufgeregt bin, mich freue und ich gespannt in dieses ungewisse, schwarze Loch schaue und vor mich hin grinse. Viel kann ich mir jetzt noch nicht vorstellen, wenig werde ich kommen sehen können und nichts ist sicher.

Die Packliste steht, einige Erledigungen stehen noch an, aber grundsätzlich bin ich bereit.