{"id":102,"date":"2016-02-01T21:50:03","date_gmt":"2016-02-01T20:50:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.federfant.de\/?p=102"},"modified":"2016-07-17T23:42:13","modified_gmt":"2016-07-17T21:42:13","slug":"01-02-16-aufbruch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.federfant.de\/?p=102","title":{"rendered":"01.02.16 Aufbruch"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-159 alignleft\" src=\"http:\/\/www.federfant.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/2016-02-01-11.43.21-180x300.jpg\" alt=\"2016-02-01 11.43.21\" width=\"180\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.federfant.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/2016-02-01-11.43.21-180x300.jpg 180w, https:\/\/www.federfant.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/2016-02-01-11.43.21-768x1280.jpg 768w, https:\/\/www.federfant.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/2016-02-01-11.43.21-614x1024.jpg 614w, https:\/\/www.federfant.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/2016-02-01-11.43.21.jpg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 180px) 100vw, 180px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist der erste Tag, der Tag an dem es endlich beginnt. Doch statt Vorfreude f\u00fchle ich mich taub. Und doch ist diese Taubheit mit erwartungsvoller Spannung verbunden. Es ist eine Mischung daraus, es noch nicht ganz fassen zu k\u00f6nnen und sich der Sache nicht ganz sicher sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heute werde ich losfahren und f\u00fcr mehrere Monate nicht mehr wiederkommen. Meine erste Station wird Lesbos sein, ich habe ein Woche Zeit dorthin zu trampen. 2300 Kilometer. Heute f\u00e4ngt es an. Doch wo? Und wie? F\u00e4ngt die Reise hinter Friedrichshafen an? In \u00d6sterreich? Sobald die Menschen kein deutsch mehr um mich herum sprechen? Ich kann es nicht sagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein erster Fahrer ist auch meine erste niederschlagende Erfahrung. Ich finde es hat eine gewisse Ironie: es ist wohl die scharfe Zunge des Schicksals, die meine Unsicherheit nicht ungenutzt l\u00e4sst, um mir das Risiko das ich trage etwas anschaulicher vorzuf\u00fchren. Er f\u00e4hrt ein getuntes Auto, sieht aus wie 35 ist aber eigentlich 50. Er f\u00e4hrt zum Pokerspielen, ich vermute eine verrauchte Spielhalle. Netterweise f\u00e4hrt er extra f\u00fcr mich einen Umweg und l\u00e4sst mich an einer Tankstelle hinter Friedrichshafen raus. Kurz bevor ich aussteige sagt er: Wenn wir noch ne Nummer schieben, k\u00f6nnte ich dich auch nach Lindau bringen.<\/p>\n<p>Igitt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin total perplex, frage noch nach, was er denn jetzt damit bitte meint, doch als er es mit dem Wort Quickie pr\u00e4zisiert, wird mir wirklich fast schlecht und ich kann ihm nur sagen, wie ekelhaft ich das finde. Er nennt mich pr\u00fcde und braust davon.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich stehe kurz bedr\u00f6bbelt an der Tankstelle, fange mich und habe sogar einen kurzen ironischen Moment, wo ich \u00fcber ihn lachen muss. Sowas passiert. W\u00e4hrend ich mir schw\u00f6re niemals mehr in getunte Autos zu steigen, wird mir das Restrisiko des Unterfangens ergreifend bewusst. Egal wie viele getunte Autos ich in Zukunft vermeide, dieses Restrisiko ist niemals aus der Welt zu schaffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich quatsche einen Sch\u00fcler in einem mattschwarzen BMW an, ob er in meine Richtung f\u00e4hrt. Er bringt mich zwar nur einige Kilometer, daf\u00fcr kann ich mit ihm diese widerliche Erfahrung teilen. Es tut wirklich gut, sich r\u00e4umlich von diesem Ort zu entfernen. Er ist sehr locker und genie\u00dft diesen spontanen, gemeinsamen Moment ebenso wie ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4ter am Tag treffe ich an der Autobahnauffahrt nach M\u00fcnchen zwei weitere Tramper, es sind ein Zimmermann und eine Zimmerfrau mit einem verschmusten Hund im Schlepptau. Sie kommen aus einer \u00e4hnlichen Richtung wie ich, ich suche mir eine andere Stelle (mit Haltebucht) und fahre kurze Zeit sp\u00e4ter in Janniks Trekking Karre wieder an ihnen vorbei. Auch er liebt Abenteuerurlaub, f\u00e4hrt gerne mit seinem Auto und seinen Freunden zum wandern oder klettern. Er arbeitet als Messe-event-manager bei einem gro\u00dfen Getreidezulieferer und konzipiert Messest\u00e4nde. Die Fahrt bis kurz vor M\u00fcnchen geht schnell vorbei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine gr\u00fcn geschminkte, herzliche lachende Frau und eine motorisierte Stadttour durch M\u00fcnchen sp\u00e4ter, lande ich auf einer gro\u00dfen Rastst\u00e4tte hinter M\u00fcnchen. Ich ersp\u00e4he einen fetten wei\u00dfen BMW, der ein Kennzeichen nach Ljubljana tr\u00e4gt. Ich wandere vor dem Auto auf und ab, versuche mir den Besitzer oder die Besitzerin vorzustellen und beschw\u00f6re mich, egal wie er oder sie aussieht, auf jeden Fall zu fragen, ob er oder sie mich mitnimmt. W\u00e4hrend ich drau\u00dfen rumstehe, erw\u00e4rmt mich die Vorstellung, heute Nacht vielleicht schon in Slowenien zu sein. Das Auto der blonden, bebrillten Frau ist allerdings schon voll und entgegen dem Tipp, weiterhin Leute mit \u00f6sterreichischem oder slowakischem Kennzeichen anzusprechen, wandere ich an den Ausgang der Rastst\u00e4tte und halte in klassischer Manier meinen Daumen in den Wind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist nicht besonders viel Verkehr am Ausgang der Rastst\u00e4tte, trotzdem, h\u00e4lt ein kleines Auto schnell an. Eine blonde Frau, mit vollgestopftem Auto, kann mich bis nach Graz mitnehmen. Juhuu!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wider dem ersten Eindruck, ist sie eine erfolgreiche \u00c4rztin, die gerade ihren Job, der Leitung einer Klinik hingeschmissen hat. Wir haben eine lustige und sehr interessante Zeit auf dem Weg nach Graz, meinem heutigen Tagesziel. Ich bin meinem Ziel nun 600 Kilometer n\u00e4her.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-161 alignleft\" src=\"http:\/\/www.federfant.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/2016-02-01-16.20.01-2-300x180.jpg\" alt=\"2016-02-01 16.20.01 2\" width=\"300\" height=\"180\" srcset=\"https:\/\/www.federfant.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/2016-02-01-16.20.01-2-300x180.jpg 300w, https:\/\/www.federfant.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/2016-02-01-16.20.01-2-768x461.jpg 768w, https:\/\/www.federfant.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/2016-02-01-16.20.01-2-1024x614.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie erz\u00e4hlt mir, dass sie das deutsche Gesundheitssystem zu durch\u00f6konomisiert findet, dass sie nun ein Sabbatical macht und ein Implantat entwickelt hat das sich \u201ewie eine Sprudeltablette\u201c nach gewisser Zeit selbst aufl\u00f6st. Sie hat lange in der Unfallchirurgie gearbeitet, sagt aber, dass sie trotzdem kein gest\u00f6rtes Risikobewusstsein hat. Ihr Mann ist wie mein Vater Ingenieur und sie hat eine Tochter in meinem Alter, was glaube ich ihren Mutterinstinkt etwas triggert. Wir diskutieren \u00fcber die Fl\u00fcchtlingssituation in Deutschland und \u00fcber ausl\u00e4ndische \u00c4rzte. Sie erz\u00e4hlt mir von der deutschenfeindlichen Haltung vieler \u00d6sterreicher, w\u00e4hrend wir durch ein wundersch\u00f6nes Bergpanorama fahren und zwei spiegelglatte Seen passieren. Ich habe au\u00dferdem gelernt, dass \u00d6sterreich nur um die 8 Millionen Einwohner hat und Graz mit 250.000 Einwohnern die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt \u00d6sterreichs ist, obwohl ich es auf meiner Karte die ganze Zeit \u00fcbersehe. Um acht Uhr l\u00e4sst sie mich einer Rastst\u00e4tte raus, wo ich die Nacht verbringen werde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach der heutigen Erfahrung am Morgen hat sich meine leichte Paranoia vor LKW-Fahrern, mit denen ich vor kurzem noch guter Dinge mitgefahren bin, etwas verschlimmert. Ich versuche von den anwesenden LKWs und ihren Fahrern einfach nicht gesehen zu werden und wandere auf der Suche nach einem geeigneten Platz f\u00fcr mein Zeltchen an einem Fluss entlang. Es ist sehr spannend, wie man sein Geh\u00f6r schult, wenn man sich im Dunkeln in der Natur befindet. Unter das Rauschen des Flusses mischen sich n\u00e4mlich Ger\u00e4usche, die wie ein entferntes Gespr\u00e4ch klingen. Doch nach kurzem Innehalten bin ich mir sicher, dass diese menschlichen Gespr\u00e4chsfetzen wirklich zur Melodie des Flusses geh\u00f6ren und es bringt mich nicht mehr in Unruhe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich versuchte den Fluss zu \u00fcberqueren, weil die andere Seite perfekt vor fremden Blicken gesch\u00fctzt ist, doch nachdem ich einige Minuten \u00fcber die nassen Felsen surfe, entscheide ich mich, dass das Risiko eines komplett durchn\u00e4ssten K\u00f6rpers, bei einer kalten Nacht im Freien wirklich das letzte ist, was ich jetzt gebrauchen kann. Ich finde mich also mit der Un\u00fcberwindbarkeit des Flusses ab und verkrieche mich auf eine kleine Anh\u00f6he zwischen die B\u00e4ume. Ich bin zwar relativ nah an den LKWs dran, doch ich f\u00fchle mich gut versteckt und bin mir immer noch sicher unbeobachtet zu sein. Ich baue also mein Zelt auf und werfe alle meine Sachen hinein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als die Unruhe von den vielen Ger\u00e4uschen und den umliegenden LKWs nicht abflauen will, lege ich mich auf meine Isomatte, beobachte die Zeltwand und lausche den fremden Ger\u00e4uschen, um mich mit ihnen vertraut zu machen. Von rechts h\u00f6rt man die Autobahn. Hinter mir h\u00f6re ich vereinzelte Autot\u00fcren knallen und von links, h\u00f6rt man ein lautes Radio, was vermutlich in einer LKW-F\u00fchrerkabine l\u00e4uft. Sp\u00e4ter h\u00f6rt es auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn die LKWs allerdings auf die Rastst\u00e4tte fahren, sehe ich an der rechten Fl\u00e4che meines Zeltes flackerndes Licht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach dieser Observation f\u00fchle ich mich viel ruhiger, vertrauter. Ich h\u00f6re ein St\u00fcck Musik, es ist ein Kontrollverlust, weil ich das wichtige H\u00f6ren f\u00fcr wenige Minuten aufgeben muss. Es heitert mich jedoch auch auf. Ich bin guter Dinge, morgen kann es weitergehen. Bevor ich schlafen gehe, befestige ich meinen Rucksack am Rei\u00dfveschluss des Zeltes und lege das Pfefferspray in Reichweite.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist der erste Tag, der Tag an dem es endlich beginnt. Doch statt Vorfreude f\u00fchle ich mich taub. Und doch ist diese Taubheit mit erwartungsvoller Spannung verbunden. Es ist eine Mischung daraus, es noch nicht ganz fassen zu k\u00f6nnen und sich der Sache nicht ganz sicher sein. 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