{"id":148,"date":"2016-02-13T22:06:22","date_gmt":"2016-02-13T21:06:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.federfant.de\/?p=148"},"modified":"2016-06-06T22:21:03","modified_gmt":"2016-06-06T20:21:03","slug":"05-02-16-ankunft-in-edirne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.federfant.de\/?p=148","title":{"rendered":"05.02.16 &#8211; Ankunft in Edirne"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Als ich in Edirne aus dem kleinen Busschen steige, habe ich das erste Mal richtig das Gef\u00fchl unterwegs zu sein. Es ist so interessant, weil gerade die T\u00fcrkei ein Land ist, das einem vertraut ist. Man kennt einige Deutsche, die aus der T\u00fcrkei stammen und auch das Essen und die Getr\u00e4nke bin ich durchaus gewohnt. Es hatte also auch viel Vertrautes, in den engen Stra\u00dfen und in den Gesichtern der Menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt zwei gro\u00dfe Moscheen in Edirne und die spannende Struktur dieser f\u00e4llt sofort auf: es gibt ein Hauptgeb\u00e4ude, mit den Hauptgebetsr\u00e4umen darin und viele kleine Minarette, die \u00fcber die ganze Stadt verteilt sind mit kleinen angrenzenden Nebengeb\u00e4uden. Es erinnert an eine Pflanze, die sich unterirdisch verbreitet und sich durch neuen Spross st\u00e4ndig vervielf\u00e4ltigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Stadt packt mich in dem Moment, indem ich aus dem Bus steige. Auf den Stra\u00dfen ist viel los und der Sog der Menschen zieht mich ins Stadtinnere zu den beiden Moscheen. Direkt neben die alten Bauten, dr\u00fccken sich kleine Shops und D\u00f6nerl\u00e4den. Leuchtende Reklamen prangen auf alten Steinmauern. Die Imbisse dazu klemmen sich in die Nischen zwischen den wuchtigen Mauern. Kabel und anderes Knotiges zieht sich \u00fcber die Stra\u00dfen und H\u00e4userw\u00e4nde. Statt glatten H\u00e4userfassaden strecken, ducken, dr\u00fccken und schmiegen sich die H\u00e4user an einander vorbei und bilden einen Flickenteppich aus vielf\u00e4ltigen Hausgesichtern. Es gibt h\u00f6lzerne Fassaden, die an den wilden Westen erinnern, ebenso wie mediterrane Spielereien. Dazwischen neuartigere Bauten und zwischen allem: viele Menschen, die in den umliegenden Gassen verschwinden, um die Brunnen herumstehen oder die Gem\u00fcsepreise in die Verschachtelung rufen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zuerst tausche ich Euro in Lira um, deren Wechselkurs ich durch die Busfahrt ja nun schon kenne. Au\u00dferdem besorge ich mir eine Stadtkarte in einem Touristenb\u00fcro, das von einem schwiizerd\u00fctsch sprechenden T\u00fcrken betrieben wird. Ich wandere eine Weile mit meinem Rucksack durch die Stadt, bis ich ein Caf\u00e9 finde, um mir eine Schlafgelegenheit zu suchen und mein Handy aufzuladen. Ich stand bereits mit einem Couchsurfinghost in Kontakt, der mir eine kostenlose Unterkunft f\u00fcr Fahrradfahrer etwas weiter au\u00dferhalb empfohlen konnte. Da mir eine Couch bei einem richtigen Couchsurfinghost jedoch lieber ist, schreibe ich erst mal zehn Requests an die \u00f6rtliche Couchsurfingcommunity. Au\u00dferdem schlage ich mir den Wanst mit Waffeln und t\u00fcrkischem Tee voll. Ich habe auf meiner Reise Schwarztee richtig zu sch\u00e4tzen gelernt. Obwohl ich fr\u00fcher eigentlich weder Kaffee- noch Teefan war, hat es mir dieser kleine Schwarztee mit einem Zuckerst\u00fcckchen dann doch angetan.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es macht Spa\u00df die Menschen um mich herum zu beobachten. Wenn sie sich begr\u00fc\u00dfen umarmen sich viele zweimal, einmal links, dann rechts. \u00c4hnlich einem Wangenkuss.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leider sagen mir zwei Couchsurfinghosts ab, ich beschlie\u00dfe also mich langsam auf die Suche nach dem gro\u00dfen Migros-Supermarkt zu machen, bei dem die Fahrradunterkunft zu finden ist. Ich nehme f\u00fcr weitere drei Lira den Bus und lande in einer etwas industrielleren, ungem\u00fctlicheren Gegend. Als ich mein Internet wieder anschalte, entdecke ich eine Mail von einem Couchsurfer, der mich spontan aufnehmen kann. Daf\u00fcr muss ich leider wieder in die Stadt zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine kleine Infrastrukturkrise bricht aus, als mein Handy akkum\u00e4\u00dfig den Geist aufgibt und ich nicht mal in DOMINO PIZZA Wifi finde. Ich begebe mich also in die n\u00e4chste Mall und darf bei einem kleinen Baklava-Laden mein Handy aufladen. Der Mann der dort arbeitet ist 25 und Physiker. Er hat einige Freunde in Deutschland und fragt mich mit Hilfe von Google Translator, wie viel meine Eltern verdienen. Er ist direkt, was das Gespr\u00e4ch erleichtert und erschwert. Ob es den T\u00fcrken in Deutschland gutgeht kann man wohl nicht in drei S\u00e4tzen beantworten. Er denkt selbst dar\u00fcber nach nach Deutschland zu gehen und ich bemerke dass viel Hoffnung und Sehnsucht dahinter liegt. Und eine Untersch\u00e4tzung der Fremde und des Neuanfangs. Oder die Brille der sozialen Ungerechtigkeit dr\u00fcckt mein Nasenbein in diesen Tagen zu sehr zusammen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er schenkt mir ein bisschen Baklava und gibt mir einen Tee aus. Auch hier begegnet mir ein weiteres Mal die bedingungslose t\u00fcrkische Gastfreundschaft. Von Geh\u00e4ltern und Lebensqualit\u00e4t bewegt sich das Gespr\u00e4ch zu Religion. W\u00e4hrend ich in Deutschland seit langem keine Glaubensdiskussion mehr gef\u00fchrt habe, fragt er mich direkt, ob ich glaube, mit dem christlichen den wahren Glauben zu verfolgen. Puh. Ja. Schwierig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leider muss ich dann auch schon los, ich verspreche ihm allerdings auf jeden Fall wiederzukommen, wenn ich das n\u00e4chste Mal in Edirne weilen werde. Mittlerweile habe ich dem Couchsurfer geantwortet, dass ich mich auf den Weg mache, nehme den n\u00e4chsten Bus und finde meinen Weg ein weiteres Mal durch die Innenstadt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Couchsurfer ist leicht \u00fcberrumpelt von meinem Erscheinen, freut sich aber und nachdem ich meine Sachen in seiner etwas k\u00fchl-bl\u00e4ulichen Wohnung abgeworfen habe, Er hat zwei Katzen, die gerne ausb\u00fcxen und er freut sich \u00fcber das bulgarische Bier, dass ich immer noch mit mir herumschleppe. Au\u00dferdem begr\u00fc\u00dft er mich mit einer riesigen Gummispinne im Waschbecken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-172 size-medium\" src=\"http:\/\/www.federfant.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/2016-02-06-09.05.06-180x300.jpg\" alt=\"2016-02-06 09.05.06\" width=\"180\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.federfant.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/2016-02-06-09.05.06-180x300.jpg 180w, https:\/\/www.federfant.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/2016-02-06-09.05.06-768x1280.jpg 768w, https:\/\/www.federfant.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/2016-02-06-09.05.06-614x1024.jpg 614w, https:\/\/www.federfant.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/2016-02-06-09.05.06.jpg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 180px) 100vw, 180px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da er gerade auf dem Weg aus dem Haus zu seinen Freunden ist, klemme ich mich einfach mit dran und wir nehmen den selben Bus wieder raus aus der Stadt (!).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er hat einen fransigen Bart, einen trocken-humorvollen Blick und kann lustige Geschichten erz\u00e4hlen. Wir laufen eine ganze Weile, reden \u00fcber Migration und sein Studium in Bosnien. Au\u00dferdem geht es um die Kurden in der T\u00fcrkei und auch das Religionsthema wird wieder angerissen. Er scheint zu dem Thema jedoch ebenfalls nicht so viel Bezug zu haben. Seine Freunde sind auch sehr witzig, ich lerne wie man in Zeichensprache Tee bestellen kann und bei Kicker und Schokomilchshakes haben wir viel Spa\u00df zusammen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich in Edirne aus dem kleinen Busschen steige, habe ich das erste Mal richtig das Gef\u00fchl unterwegs zu sein. Es ist so interessant, weil gerade die T\u00fcrkei ein Land ist, das einem vertraut ist. 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