{"id":212,"date":"2016-03-23T21:15:18","date_gmt":"2016-03-23T20:15:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.federfant.de\/?p=212"},"modified":"2016-07-17T23:28:49","modified_gmt":"2016-07-17T21:28:49","slug":"irc-camp","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.federfant.de\/?p=212","title":{"rendered":"IRC-Camp"},"content":{"rendered":"<p>Das IRC-Camp ist nach der Hilfsorganisation &#8218;International Rescue Council&#8216; benannt. Es ist eines der Camps, die an den K\u00fcsten der Insel verteilt sind und somit erste Auffangstation f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge darstellen. Die geografische Lage des IRC-Camps ist leicht verzwickt. Es versucht sich in die grobe Struktur des n\u00f6rdlichen K\u00fcstenstreifens einzufinden, ist jedoch eingeklemmt in einem schmalen Tal und meistens umtost von heftigem Wind. Die bl\u00f6kende Schafherde, welche die wei\u00dfe Zeltansammlung einrahmt, verst\u00e4rkt den Eindruck einer widerwilligen Koexistenz. Das Camp ist \u00fcber die sogenannte \u201eDirtroad\u201c zu erreichen, einer staubigen Huckelpiste, auf der die \u00f6rtlichen Rentalcars nicht mehr versichert sind und auch die UNHCR-Busse nicht fahren k\u00f6nnen. Die Lage des Camps ist f\u00fcr den Tourismus auf der Insel vorteilhaft, da es gut versteckt ist, unvorteilhaft ist jedoch die schlechte Anbindung, die mit logistischen Herausforderungen verbunden ist.<br \/>\nAn diesem Camp l\u00e4sst sich sehr gut illustrieren, wie die fragilen Strukturen auf der Insel den unberechenbaren Entwicklungen von Politik und Schmugglerstrategie ausgesetzt sind.<br \/>\nIn dem Monat, in dem ich bei Starfish Freiwillige war, \u00fcbernahm ich davon zwei Wochen Schichten in IRC. Die grunds\u00e4tzliche Tendenz, dass im Norden zur Zeit nur noch sehr wenige Fl\u00fcchtlinge ankommen und diese alle direkt zur s\u00fcdlich liegenden Stadt Mythilini gebracht werden, ist hier besonders stark zu beobachten. Das IRC Camp war in der Zeit wo ich dort war praktisch komplett vereinsamt. Jeden Tag hielten sich dort zwischen 20 und 40 Freiwillige von verschiedenen Organisationen auf, die auf Ankunft von Fl\u00fcchtlingen warteten. Der Aufbau des Camps hat f\u00fcnf Millionen Euro gekostet, das bergige Gebiet planieren, mit Schotter bedecken, gro\u00dfe wei\u00dfe Zelte mit Holzboden und Heizung, au\u00dferdem gro\u00dfe Flachbildfernseher zu Informationszwecken aufstellen.<br \/>\n\u00dcber die Sinnhaftigkeit dieses Camps m\u00f6chte ich an dieser Stelle auf keinen Fall urteilen, da die Situation vor wenigen Monaten noch komplett anders aussah und das Ziel, ein etabliertes, gut ausgestattetes Camp aufzubauen, sehr logisch erschien. Und doch merkt man, dass diese Camps, die ihre Zeit brauchen um geplant und hochgezogen zu werden, ein unerl\u00e4ssliches Ma\u00df an Spontanit\u00e4t und Flexibilit\u00e4t einb\u00fc\u00dfen.<br \/>\nDie ersten Camps, die errichtet wurden um die vielen ankommenden Menschen zu versorgen waren h\u00f6chst provisorisch. So auch das Camp OXY, das im Sp\u00e4tsommer 2015 zwischen Molyvos und Petra aufgebaut wurde. Wo kriegen wir gro\u00dfe Zelte her? Wie k\u00f6nnen wir so viele Menschen wie m\u00f6glich versorgen? Wer bringt uns das Essen? Welche \u00d6rtlichkeit k\u00f6nnen wir benutzen ohne rechtliche Probleme zu bekommen?<br \/>\nDas alles sind Fragen, mit denen Menschen konfrontiert waren, die aus verschiedenen Hintergr\u00fcnden, aus zahlreichen L\u00e4ndern nach Lesvos kamen um humanit\u00e4re Hilfe zu leisten. Freiwillige, unbedarfte Menschen wie ich und du. Jeder dieser Menschen brachte zwar eigene Erfahrungen mit, doch das Unterfangen ein Camp mit einer Aufnahmekapazit\u00e4t von mehreren Tausend Menschen aufzubauen und zum Funktionieren zu bringen, erscheint f\u00fcr Erfahrungslose doch wie eine Mammutaufgabe.<br \/>\nDoch dieses Lernen \u201efrom scratch\u201c, \u201elearning by doing\u201c, \u201etrial and error\u201c, war f\u00fcr das Gelingen dieser Aufgabe ebenso wichtig. Die Freiwilligen wuchsen so in ihre Aufgaben, erkannten die Probleme und lernten sie zu umgehen. Ein solcher Prozess dauert nat\u00fcrlich, ist am Ende jedoch sehr gut auf die Gegebenheiten der \u00f6rtlichen Situation angepasst. Den Locals, die sich dem Problem spontan annehmen, bleibt nichts anders als diesen Weg\u00a0zu gehen.\u00a0Und doch\u00a0frage ich mich immer noch ob dieser Weg des Wachsens und Lernens unausweichlich\u00a0\u00a0ist, oder ob es m\u00f6glich ist, Wissen und Erfahrungen von \u00e4hnlichen Situationen auf diese \u00dcberforderungssituationen zu \u00fcbertragen. Wenn wir die Leute, die diese Arbeit schon in anderen Fl\u00fcchtlingskontexten gestemmt\u00a0haben, diese ganzen Prozesse schon mal durchlaufen\u00a0haben, wenn wir diese Tr\u00e4ger von Erfahrungen und Wissen einfach in neuen und doch alten Situationen einsetzen, w\u00fcrde uns doch eine Menge Zeit erspart. Es muss doch effektiver und zielf\u00fchrender sein, erfahrene Leute in diesen Situationen der Ahnungslosigkeit einzusetzen.<br \/>\nDoch erfahrene Leute sind dort, wo gro\u00dfe Organisationen sind. Und gro\u00dfe Organisationen sind nun mal schwerf\u00e4llig. Sie sind durch B\u00fcrokratie und politische Mandate gebunden und deswegen unflexibel.\u00a0Und Flexibilit\u00e4t\u00a0ist besonders in den Situationen\u00a0wichtig, in denen\u00a0R\u00e4ume aufgehen, die ein\u00a0Macht- und Kontrollvakuum in sich bergen. In dieses Vakuum stechen dann (gl\u00fccklicherweise) die unabh\u00e4ngigen Freiwilligen, die sich z\u00fcgig in juristischen Strukturen wie Vereinen oder NGOs organisieren. Diese laufen dann durch den beschrieben Wachstumsprozess und sind in ihrer Reaktionsf\u00e4higkeit sehr viel agiler als gr\u00f6\u00dfere Organisationen, weil sie ihre rechtlichen Strukturen und Grenzen erst langsam aufbauen.<br \/>\nDie Nachteile dieser Dynamik sind eben besonders am IRC-Camp zu beobachten. Die Reaktionsf\u00e4higkeit ist einfach zu lang, um ad\u00e4quat reagieren zu k\u00f6nnen. Schon wandern die Fl\u00fcchtlingsrouten von Norden nach S\u00fcden. In Zukunft m\u00f6glicherweise gar nicht mehr \u00fcber Lesvos, sondern \u00fcber Norwegen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das IRC-Camp ist nach der Hilfsorganisation &#8218;International Rescue Council&#8216; benannt. Es ist eines der Camps, die an den K\u00fcsten der Insel verteilt sind und somit erste Auffangstation f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge darstellen. Die geografische Lage des IRC-Camps ist leicht verzwickt. 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