{"id":237,"date":"2016-03-26T11:46:03","date_gmt":"2016-03-26T10:46:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.federfant.de\/?p=237"},"modified":"2016-07-17T23:29:15","modified_gmt":"2016-07-17T21:29:15","slug":"molyvos-die-touristen-und-die-einheimischen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.federfant.de\/?p=237","title":{"rendered":"Molyvos, die Touristen und die Einheimischen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der erste Eindruck, der sich in Molyvos, am n\u00f6rdlichsten Zipfel von Lesvos, aufdr\u00e4ngt, ist der einer wundersch\u00f6nen Gegend. Desto st\u00e4rker stehen dazu die Herbstmonate des letzten Jahres im Widerspruch.<\/p>\n<p>\u201eUnd dann waren da diese rotbackigen Touristen in dieser kleinen, historischen Eisenbahn, die quer durch die Stadt fuhren.\u201c, erz\u00e4hlt mir Freja<sup>1<\/sup>, eine d\u00e4nische Freiwillige, die sich schon im Oktober bei Starfish engagiert hat. Sie zeigt mir die Pl\u00e4tze im Ort, wo sich die ersten Camps gebildet haben. Eine Wiese mit alten Gem\u00e4uerresten, direkt am historischen Hafen. Der Inhaber des Grundst\u00fccks hatte sich \u00fcber den Herbst widerwillig dazu bereit erkl\u00e4rt, das Grundst\u00fcck zur Versorgung der ankommenden Fl\u00fcchtlinge bereitzustellen. Dort wurden trockene Klamotten und Essen ausgegeben. Die ersch\u00f6pften Ank\u00f6mmlinge waren meist so ausgelaugt von der Reise, dass sie sich auf die B\u00fcrgersteige, Piermauern und Stra\u00dfen von Molyvos legten um sich zu erholen.<\/p>\n<p>\u201eDieser ganze B\u00fcrgersteig, eine einzige goldene Fl\u00e4che.\u201c, erz\u00e4hlt mir Freja. \u201eDamals hatten wir noch nicht die grauen Decken von UNHCR, sondern hatten nur Erste-Hilfe-W\u00e4rmedecken.\u201c. Diese Decken sind papierd\u00fcnn, auf einer Seite silbern, auf der anderen golden. Ich habe mich schon immer gefragt, welche ausgefeilte Technik hinter diesen d\u00fcnnen \u201eDecken\u201c steckt. Wir stehen nun vor dem Caf\u00e9 am Stadtrand und schauen den langen B\u00fcrgersteig entlang. Auf der anderen Stra\u00dfenseite str\u00f6men Kinder aus der Schule, alles ist hier wieder normal.<\/p>\n<p>Nachdem die Fl\u00fcchtlinge hier, in der steinernen Stadt am H\u00fcgel angekommen sind, haben sie einen Fu\u00dfmarsch von 60 Kilometern vor sich. Quer \u00fcber die Insel. So war das jedenfalls im Herbst noch. Erst nach und nach entwickelte sich eine Infrastruktur von regelm\u00e4\u00dfig fahrenden Bussen von UNHCR und IRC (International Rescue Committee), welche die Fl\u00fcchtlinge zum F\u00e4hrhafen brachten. Der Marsch \u00fcber die Insel wurde auf f\u00fcr die vielen Bewohner der Insel symbolisch. Eine nicht endende Linie von Menschen, zog sich \u00fcber die Hauptstra\u00dfen der Insel. Viele versuchten die Reise f\u00fcr einige wenige zu erleichtern und brachten sie mit ihren privaten PKWs zum Hafen. Doch im Angesicht der vielen Menschen, die ein gleiches Ma\u00df an Zuwendung verdient h\u00e4tten, f\u00fchlten sich viele der Situation hilflos ausgesetzt.<\/p>\n<p>Hinzu kommt, dass der Tourismus in den letzten Jahren zwei Abw\u00e4rtskurven erlebt hat, ausgel\u00f6st durch die gebeutelte nationale Wirtschaft und die rotbackigen Touristen, die sich ihren Urlaub in Zukunft wohl doch anders ausmalen. Ein weiterer Grund, warum die &#8222;Locals&#8220; auch um ihre eigene Existenz besorgt sind.<\/p>\n<p>Und doch ist man als Gast der tiefen \u00dcberzeugung, dass der Tourismus unweigerlich zur\u00fcckkehren wird. In die steilen, gewundenen Stra\u00dfen, in die gro\u00dfe Burg und auf die Spitze des Berges, welcher den Blick auf die weiten blauen Fl\u00e4chen des Mittelmeers freigibt. Er muss wiederkommen, die Natur hier ist einfach zu sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Und nat\u00fcrlich ist da die Frage, ob die Insel weiterhin Transitzone f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge bleibt. Es ist unberechenbar, wie sich die europ\u00e4ische Politik ver\u00e4ndert, aber auch wie sich die Entscheidungen der Schlepper auswirken wird. Die Organisationen sind hier dieser allumfassenden Unsicherheit ausgesetzt und k\u00f6nnen nicht einmal sicher sein, dass sie im Sommer noch da sein werden. Oder wie Lucy, Mitglied des Orga-Teams, es formuliert: \u201eWie soll ich wissen was in zwei Monaten ist, wenn ich nicht mal wei\u00df, was morgen passieren wird!\u201c Vielleicht hat sich\u00a0bis dahin ja alles ver\u00e4ndert, die Organisationen haben ihre Zelte abgerissen, die Freiwilligen sind aus den Caf\u00e9s und Restaurants verschwunden und die rotbackigen Touristen k\u00f6nnen wieder ungest\u00f6rt dicke Schichten Sonnencreme auf ihrer wunden Haut verteilen.\u00a0Solange das nicht so ist, wird weiter improvisiert!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><sup>1<\/sup>Ich habe die Namen ge\u00e4ndert um die\u00a0Privatsph\u00e4re zu waren und die Identifikation zu erschweren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der erste Eindruck, der sich in Molyvos, am n\u00f6rdlichsten Zipfel von Lesvos, aufdr\u00e4ngt, ist der einer wundersch\u00f6nen Gegend. 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