{"id":279,"date":"2016-05-27T15:03:54","date_gmt":"2016-05-27T13:03:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.federfant.de\/?p=279"},"modified":"2016-09-01T15:30:29","modified_gmt":"2016-09-01T13:30:29","slug":"mit-mahmoud-shisha-rauchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.federfant.de\/?p=279","title":{"rendered":"Mit Mahmoud Shisha rauchen"},"content":{"rendered":"<p>Mahmoud lebt in einem kleinen chaotischen Apartment dem man ansieht, wie viele Couchsurfer es schon beheimatet hat. Mit Edding sind im Bad Anweisungen verfasst, wie man sich respektvoll in dieser WG verhalten soll. Auch die Kacheln in der K\u00fcche sind mit einigen humorvollen Tipps versehen.<\/p>\n<p>Es erinnert mich an die Couchsurfingprofile, die statt einer sehr ausf\u00fchrlichen Beschreibung der ausgepr\u00e4gten Pers\u00f6nlichkeit des Couchsurfinghosts eine Art Wertekatalog des Couchsurfens enthalten. Zu Beginn wird meistens gesagt, schicke mir kein Request, wenn du die folgenden Regeln nicht genau durchgelesen hast. Das mag zu Beginn abschreckend wirken, wenn man aber versteht, wie viele Menschen Couchsurfen im Endeffekt missverstehen kommt man schnell dahinter warum die Hosts gut selektieren wollen. Denn als privates Servicepersonal, das einen kostenfreien Schlafplatz zur Verf\u00fcgung stellt, will wohl niemand betrachtet\u00a0werden. Denn trotz der Bedingungen, denen man \u00fcber die Website zustimmt, dass man kostenfrei n\u00e4chtigen darf, kann man das konventionelle Verst\u00e4ndnis der respektvollen Begegnung nat\u00fcrlich nicht \u00fcber den Haufen werfen. Grundpr\u00e4misse der \u00dcbereinkunft ist, dass sich beide, Gast und Gastgeber, wohlf\u00fchlen.<\/p>\n<p>Auch Mahmouds Mitbewohner Murat ist erfahrener Couchsurfer und \u2013host. Er ist Ende vierzig und arbeitet als Schulpsychologe. Er hat immer ein Grinsen auf den Lippen, lebt vegan und kocht am liebsten Kichererbsen in Tomatenso\u00dfe mit Kartoffeln. Das ist jedenfalls das Gericht, was ich in den meisten F\u00e4llen auf dem Herd stehen sehe. Auch sein Fr\u00fchst\u00fcck ist ziemlich praktikabel. Gr\u00fcne und schwarze Oliven mit Brot und Tomaten. Mahmoud erg\u00e4nzt das ganze gerne heimlich mit K\u00e4se, obwohl ich mich zu erinnern meine dass Murat mir relativ ernst erkl\u00e4rt hat, dass Milchprodukte in diesem Haushalt verboten sind (w\u00e4re dann doch eine relativ militante Einstellung f\u00fcr einen derart angenehmen Zeitgenossen). Das kleine St\u00fcck Restk\u00e4se tarnt Mahmoud dann einfach als Tofu. Das Verbot klappt also scheinbar ganz gut.<\/p>\n<p>Witzig an der Wohnung ist, dass man auf der Vorderseite das Gef\u00fchl hat, eine Kellerwohnung zu betreten, die noch unterhalb der Stra\u00dfenh\u00f6he liegt und man dann vom Wohnzimmer aus an der R\u00fcckseite der Wohnung auf einen Balkon steigen kann, der den Blick auf die zwanzig Meter unterhalb verlaufende Stra\u00dfe freigibt. Mein erster Gedanke ist, \u201eMoment, ich kann mich gar nicht erinnern, wie das Treppenhaus aussieht!\u201c.<\/p>\n<p>Richtig, obwohl diese Stadt, nicht wie anderen St\u00e4dten, ihr Ruf vorauseilt, ist Istanbul unglaublich h\u00fcgelig. Und wie ihr seht reden wir hier nicht von seichten, sanft gewellten, sondern meist von sehr steilen H\u00fcgeln.<\/p>\n<p>Murat und Mahmoud sind es beide gewohnt nicht viel Privatsph\u00e4re zu haben. Murats Bett steht im Wohnzimmer und auch Mahmoud hat ein weiteres Bett in seinem Zimmer, f\u00fcr Couchsurfer oder f\u00fcr seine Klamottenberge. An den W\u00e4nden von Mahmouds Zimmer h\u00e4ngen T-Shirts aus der ganzen Welt. Au\u00dferdem hat er persische Gedichte von seinem Lieblingspoet aufgeh\u00e4ngt. Er ist azerischer Iraner und ist vor einigen Jahren nach Istanbul gekommen um dort zu arbeiten. Er ist lang und schmal, jedoch meistens in weite Klamotten geh\u00fcllt, die ihm ein b\u00e4riges Aussehen verleihen. Er hat sein Haupthaar kurz abrasiert und tr\u00e4gt einen f\u00fclligen, schwarzen Bart. Au\u00dferdem gerne eine Sonnenbrille. Er macht gerne Witze und ist unfassbar unkompliziert. Es lispelt ein kleines bisschen und mag es sich etwas zu sch\u00fctteln wenn er lacht.<\/p>\n<p>In dem Apartment gibt es noch einen dritten Raum, wo G\u00e4ste schlafen k\u00f6nnen, der jedoch nur mit einem Bett ausgestattet ist. Dort schlafen manchmal auch die G\u00e4ste, die es sp\u00e4t in der Nacht nicht mehr nach Hause schaffen. Ich finde das faszinierend, da man manchmal das Gef\u00fchl bekommt, f\u00fcr ihre Bed\u00fcrfnisse w\u00e4re weniger Platz als f\u00fcr die W\u00fcnsche der G\u00e4ste. Ich frage mich wie man l\u00e4nger als zwei Wochen in diesem Zustand leben kann und es wird das erste R\u00e4tsel das Mahmoud mir aufgibt. Und doch ist Mahmoud keiner der Gastgeber, die einen \u00fcberall hin mitnehmen wollen und einem alles zeigen m\u00f6chten. Im Gegenteil, ein Lieblingssatz von ihm ist \u201eFeel free\u201c und er meint es so. Man kann jederzeit seine Zeit wo anders verbringen oder sp\u00e4ter nach Hause kommen. Der Unterschied zum Hostelbewohner muss nat\u00fcrlich jederzeit erkennbar sein. Mahmoud ist unglaublich flexibel und es gibt nur wenige Situationen in denen ich ihn genervt erlebt habe. Wenn er von etwas genervt ist, dann meistens von Politik oder Dingen, die sich f\u00fcr ihn gr\u00f6\u00dfer anf\u00fchlen als er selbst. Denn sein zweitliebster Satz ist: \u201eIt\u2019s so fucked up!\u201c.<\/p>\n<p>Er erz\u00e4hlt mir, dass er eine l\u00e4ngere Zeit mit Amerikanern zusammen gelebt hat. Er hat also ein ganz gutes Streetenglisch drauf und au\u00dferdem einen einzigartigen Hopperstyle, den ich in der T\u00fcrkei bis dahin nur selten gesehen habe. Er tr\u00e4gt l\u00e4ssige, weite Klamotten, meistens in schwarz und dunkelgr\u00fcn, aber er kann sein Auftreten auch komplett ins Gegenteil verkehren. An einem Abend zeigt er mir die Vielfalt seiner Garderobe: ein braunes Hemd mit einem dunkelblauen Baumwollsalko dar\u00fcber und seiner st\u00e4rkelosen Brille. Sein Bart erscheint jetzt in einem neuen Kontext. Auf seine beiden Arten f\u00e4llt er auf.<\/p>\n<p>Den ersten Abend verbringe ich mit ihm in einer Shishabar, in der N\u00e4he seiner Wohnung. Dort l\u00e4uft ein wichtiges Fu\u00dfballspiel, Be\u015fikta\u015f gegen einen portugiesischen Verein. Auf dem Weg dorthin erz\u00e4hlt er mir, dass er seit vier Tagen alle Politik-news-channel gekappt hat. Er hat keine Lust mehr auf Politik, es macht ihn depressiv und er kann es nicht mehr h\u00f6ren. Er m\u00f6chte positiv sein, nicht negativ. \u201eIt\u2019s so fucked up, you know!\u201c. Manchmal, wenn er sich so in Rage redet, l\u00e4uft er einen Schritt schneller, schaut vor sich auf seine F\u00fc\u00dfe und man hat das Gef\u00fchl er w\u00fcrde in seinem Kopf weiter debattieren. Er greift sich an den Kopf und bemerkt nicht, wie ich ihn von schr\u00e4g hinten beobachte auch auf Fragen reagiert er nicht in diesem Zustand. Nach einigen Sekunden erwacht er und fragt mich eine Frage oder schneidet ein neues Thema an. Es ist das zweite R\u00e4tsel Mahmouds, ist er ein bisschen durch den Wind? Oder ist das nur seine Art in Gedanken vertieft zu sein?<\/p>\n<p>Wir betreten also die Shishabar und ich habe das Gef\u00fchl, dass wir eine ganz lustige Kombination abgeben, ein kurzhaariges M\u00e4dchen mit blauen Augen, offensichtlich eine Touristin in einem abgelegenen Wohnviertel, mit einem b\u00e4rigen Typ, der mit finsterem Blick und dem Nachgeschmack seines \u201eIt\u2019s so fucked up!\u201c auf den Lippen quer durch den Shishaqualm tigert. Ich hab ihn gern in diesen Situationen. Er raucht gerne Shisha und ich beginne auch langsam es zu m\u00f6gen.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe Menge im Raum und ihre Leidenschaft f\u00fcr das Spiel packen mich bald. Mahmoud erz\u00e4hlt mir nebenbei, dass er auch vor einigen Jahren noch leidenschaftlicher Fu\u00dfballfan war, aber auch dem vor einiger Zeit abgeschworen hat. Er findet die Fangemeinden einfach zu fanatisch. Zu falsch.<\/p>\n<p>Wenn eine Torchance die Fans aufspringen l\u00e4sst, betrachtet er sie nur mitleidig, richtet seine gro\u00dfe Handfl\u00e4che auf sie und beginnt halblaut \u00fcber sie zu l\u00e4stern. Zwar auf Englisch, trotzdem habe ich manchmal die Bef\u00fcrchtung er k\u00f6nnte die emotionalen Fans leicht gegen uns aufbringen. Und so sehr er doch in seiner eigenen Welt lebt, taucht er immer wieder auf um mich nach etwas zu fragen, er zeigt Interesse an mir und \u00f6ffnet immer wieder kleine Fensterchen um in die Welt der anderen zu schielen.<\/p>\n<p>Ein weiteres R\u00e4tsel an Mahmoud ist seine Vergangenheit im Iran. Er liebt den Iran, seine Lieblingspoeten und seine Heimatstadt: Tabriz. Er vermisst seine Stadt und seine Familie geh\u00f6rig und schleppt dementsprechend ein latentes Gef\u00fchl der Einsamkeit mit sich herum, seit er den Iran verlassen hat. Die Institution der Familie ist im Iran praktisch unersch\u00fctterlich. Sie stiftet einen gro\u00dfen Anteil an Stabilit\u00e4t und diese Intensit\u00e4t zu ersetzen stelle ich mir tats\u00e4chlich sehr schwierig vor.<\/p>\n<p>Neben seiner Liebe zu seinem Land drehen sich trotzdem viele Gespr\u00e4che darum, wie er sich von der ideologischen Pr\u00e4gung seines Landes befreien musste, nachdem er in die T\u00fcrkei kam. Auch dass er durch seine Geburt automatisch Moslem geworden ist\u00a0bezeichnet er als \u201ecompletely fucked up!\u201c. Niemand hat mich je danach gefragt, ob ich Moslem sein will! Sie haben mir einfach diese Religion gegeben und ich konnte das nie selbst entscheiden. Er erz\u00e4hlt mir au\u00dferdem, wie er sich als Kind immer gefragt hat, warum die Iraner\u00a0in Arabisch beten. Warum beten wir in einer Sprache, die wir selbst nicht verstehen? Warum basiert die Religion die wir leben auf der Grundlage einer f\u00fcr uns fremden Sprache?<\/p>\n<p>Diese Fragen haben sich ihm schon sehr fr\u00fch gestellt und die Paradoxien und Themen seines Landes tr\u00e4gt er wohl f\u00fcr immer in sich. Wie einen Stein, den er durch seine Hand gleiten l\u00e4sst, der bei seiner Form bleibt.<\/p>\n<p>Am letzten Abend mit Mahmoud, l\u00f6sen sich einige seiner R\u00e4tsel und er wird zu einem wirklich guten Freund f\u00fcr mich. Er nimmt mich mit zu einer Bar, von der aus wir \u00fcber ganz Istanbul blicken k\u00f6nnen, es ist unfassbar sch\u00f6n und das Sahneh\u00e4ubchen das auf dem letzten Tag meiner Zeit in Istanbul thront. Mahmoud ist die Cocktailkirsche.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mahmoud lebt in einem kleinen chaotischen Apartment dem man ansieht, wie viele Couchsurfer es schon beheimatet hat. Mit Edding sind im Bad Anweisungen verfasst, wie man sich respektvoll in dieser WG verhalten soll. 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