{"id":281,"date":"2016-05-23T16:39:59","date_gmt":"2016-05-23T14:39:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.federfant.de\/?p=281"},"modified":"2016-07-18T09:31:19","modified_gmt":"2016-07-18T07:31:19","slug":"erwartungskarren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.federfant.de\/?p=281","title":{"rendered":"Erwartungskarren"},"content":{"rendered":"<p>Nach dem ersten Tag in Istanbul realisiere ich, wie immens meine Erwartungen an diese Stadt waren. Eine monstr\u00f6se Moschee, die \u00fcber diese Millionen Stadt wacht, von jedem Ort der Stadt mahnend sichtbar. Dann dieser riesige Fluss, von bunten Lichtern ges\u00e4umt stolz durch die Stadt str\u00f6mend. Mediterrane Stra\u00dfenwindungen, die diese Metropole in eine romantische Szenerie zum flanieren verwandeln, seelenverwandt mit Barcelona.<\/p>\n<p>Doch dieser erste Tag l\u00e4sst den Karren meiner Erwartungen zun\u00e4chst gepflegt gegen die Wand fahren. Ich erinnere mich, wie ich an meinem Ankunftstag \u00fcber eine der gro\u00dfen Br\u00fccken Istanbul erreiche und mich wundere, wo denn diese Moschee sein kann. Doch zu diesem Zeitpunkt liegt das Verh\u00e4ltnis von Gr\u00f6\u00dfe der Moschee zur Gr\u00f6\u00dfe der Stadt f\u00fcr mich noch im Dunkeln. Die Unsichtbarkeit des Gotteshauses spricht nur f\u00fcr die Monstrosit\u00e4t dieser Stadt und nicht f\u00fcr die Nichtigkeit der Moschee. Die Vorstellung des str\u00f6menden Riesenflusses weicht der Wasserfl\u00e4che, die in sich die M\u00fcndung zweier Wasserarme und somit die Verbindung zum Meer darstellt und somit das aquatische Herz der Stadt bildet. Es trennt die Stadtteile von einander und eint sie gleichzeitig durch diesen Mittelpunkt, der die drei Teile trennend verbindet. Auch das mediterrane Flair suche ich vergebens, doch die Stadt wird mir mit ihren verdreckten Stra\u00dfen und den lachenden Menschen bald noch ein ganz anderes Gesicht zeigen.<\/p>\n<p>Das Wetter tr\u00e4gt seinen Teil dazu bei, die ersten Tage in ein \u00e4u\u00dferst mittelm\u00e4\u00dfiges Licht zu setzen. Es ist leicht verhangen und gr\u00e4ulich und da ich ohne Karte unterwegs bin, irre ich etwas orientierungslos umher. Nat\u00fcrlich finde ich die Hagia Sophia und die Blaue Moschee, die man aus dem D\u00f6nerladen seines Vertrauens kennt, von den gro\u00dfen, scheinenden Postern. Ich bin auch eine Weile damit besch\u00e4ftigt durch das historische Viertel zu laufen, aber schon bald biege ich auf die Seitenstra\u00dfen ab um die Nebenschaupl\u00e4tze zu erkunden.<\/p>\n<p>Das ziellose Umherlaufen macht mich nicht so richtig gl\u00fccklich, die mediterranen Stra\u00dfen suche ich vergeblich und das Flanierfeeling will sich auch nicht einstellen. Die Stadt ist so riesig, dass sie mich bald davon \u00fcberzeugt, das Flanieren aufzugeben und mich etwas zielgerichteter zu bewegen. Ich finde eine Reiseagentur und die beiden M\u00e4nnern an ihren Schreibtischen haben sogar tats\u00e4chlich einen Stadtplan von Istanbul. Gl\u00fccklich \u00fcber meine neugewonnene Orientierungshilfe fasse ich nun mein n\u00e4chstes Ziel ins Auge: Essen. Und zwar g\u00fcnstig.<\/p>\n<p>Ich nutze mein Anliegen um einen offensiven Kellner eines guten Restaurants mit einer Gegenoffensive zu \u00fcberraschen. Wie in einigen anderen L\u00e4ndern ist es in der T\u00fcrkei \u00fcblich Angestellte vor der T\u00fcr zu platzieren, die dann entweder lautstark rufend oder mit einer subtilen Flirtstrategie Kunden von der Stra\u00dfe fischen.<\/p>\n<p>Ich frage einen dieser Charmeure also nach g\u00fcnstigem Essen und nachdem er mir versucht einzureden, dass 30 t\u00fcrkische Lira (ca. 10,- \u20ac) f\u00fcr ein Essen doch relativ g\u00fcnstig sei, sch\u00fcttelt er den Kopf und erkl\u00e4rt mir das Offensichtliche. Wo viele Touristen, da kein g\u00fcnstiges Essen.<\/p>\n<p>Gl\u00fccklicherweise finde ich doch um die n\u00e4chste Stra\u00dfenecke einen kleinen D\u00f6nerladen, der im oberen Stockwerk ein paar Sitznischen hat. Nach der finalen n\u00e4hrst\u00f6fflichen Befriedigung sch\u00f6pfe ich neue Energie.<\/p>\n<p>Ich versuche meine intrinsischen Kompasse mit den Informationen der Karte zu kombinieren. Ein Kompass ist beispielsweise: \u201eAm Wasser ist es immer sch\u00f6n.\u201c. Leider geht dieser nach hinten los. Am Wasser finde ich nur eine gro\u00dfe Autobahn, Tankstellen und Industrieromantik. Ich bewege mich also wieder den Berg hinauf in Richtung der Moscheen. Auch hier in Istanbul sehe ich viele dieser dunklen Holzh\u00e4user, die mich schon in Edirne an den wilden Westen erinnert haben. Wie ich sp\u00e4ter h\u00f6re stammen diese H\u00e4user noch aus der osmanischen Zeit, sie geben der Stadt wirklich einen interessanten Touch.<\/p>\n<p>Ich nehme in einem Restaurant platz, wo ich das erste Mal einen Derwisch bestaunen darf. Sein Rock flattert bald in der Form einer Pyramide um ihn herum, drei Falten, die sich in ihrer Form so gut wie nicht ver\u00e4ndern. Wirklich erstaunlich.<\/p>\n<p>Danach mache ich mich auf den Weg nach Hause und komme mit dieser leichten Entt\u00e4uschung zu Hause an. Der Karren liegt in Tr\u00fcmmern, aber wie das immer so ist, fangen die zerborstenen Bretter schon langsam an sich zu etwas neuem zusammenzuf\u00fcgen. Denn Istanbul ist eben mehr als nur das ausgelutschte Bild der Hagia Sofia und der Blauen Moschee. Und was hinter diesem Symbol steckt, welche Bedeutung es hat, erschlie\u00dft sich eben nicht nach der ersten Begegnung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach dem ersten Tag in Istanbul realisiere ich, wie immens meine Erwartungen an diese Stadt waren. Eine monstr\u00f6se Moschee, die \u00fcber diese Millionen Stadt wacht, von jedem Ort der Stadt mahnend sichtbar. Dann dieser riesige Fluss, von bunten Lichtern ges\u00e4umt stolz durch die Stadt str\u00f6mend. 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