{"id":294,"date":"2016-07-17T17:54:04","date_gmt":"2016-07-17T15:54:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.federfant.de\/?p=294"},"modified":"2016-07-18T20:42:39","modified_gmt":"2016-07-18T18:42:39","slug":"norouz-oder-wie-ich-in-den-iran-flog","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.federfant.de\/?p=294","title":{"rendered":"Norouz &#8211; oder wie ich in den Iran flog"},"content":{"rendered":"<p>Vom Neujahr Norouz erz\u00e4hlt mir Mahmoud, mein iranischer Couchsurfer in Istanbul, das erste Mal. Den Neujahrsmorgen verbringe ich mit ihm in seinem Apartment, er tanzt, ist froh und wir verbringen mit einem weiteren spanischen Couchsurfer und Amon den Neujahrsmorgen.<\/p>\n<p>Es ist ein Neujahrsfest, das im zoroastrischen Glauben verankert ist. Man sagt dem Zoroastrismus nach, dass er die Grundlage aller monotheistischen Religionen sei, aber die Rituale, die das Fest begleiten haben grunds\u00e4tzlich wenig mit dem Islam zu tun. Weswegen es noch verwunderlicher ist, dass dieses Fest immer noch mit solch einem Enthusiasmus gefeiert wird.<\/p>\n<p>Mahmoud erz\u00e4hlt mir, dass es eine spezielle Zeit im Iran ist. \u00c4hnlich wie Weihnachten in Deutschland. Es gibt zwei Wochen Ferien alle Familien besuchen einander, haben Festessen, wandern zusammen und schauen Fernsehen.<\/p>\n<p>Die islamische Zeitrechnung und das zoroastrische Neujahrsfest sind durch zwei verschiedene Kalender festgesetzt. Denn w\u00e4hrend die islamische Zeitrechnung auf dem Mondkalender basiert, st\u00fctzt sich der Zeitpunkt von Norouz auf den Rhythmus der Sonne. Die L\u00f6sung des Irans war es also, einfach einen persischen\u00a0Kalender zu etablieren, der wie der islamische Kalender das Jahr Null mit dem Auszug Muhammeds aus Mekka definiert, im Unterschied zum islamischen Kalender aber auf dem Sonnenkalender beruht und somit die zoroastrischen Feste mit integrieren kann. Interessanterweise ist die Tagesanzahl der Monate dabei so geregelt dass die ersten sechs Monate 31 Tage haben und die n\u00e4chsten f\u00fcnf 30. Der letzte hat wie bei uns der Februar entweder 29 oder 30 Tage. Als Iraner muss man sich also an drei verschiedenen Zeitrechnungen (dem europ\u00e4ischen, der f\u00fcr Wirtschaft und Tourismus eine Rolle spielt, der iranisch-islamische f\u00fcr Festlichkeiten im Iran, sowie der islamische Kalender, der au\u00dferhalb von Iran gilt) orientieren und der Kalender eines Freundes sieht dementsprechend so aus:<\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.5;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-295 alignleft\" src=\"http:\/\/www.federfant.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/KalenderPersisch-575x1024.jpg\" alt=\"KalenderPersisch\" width=\"324\" height=\"577\" srcset=\"https:\/\/www.federfant.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/KalenderPersisch-575x1024.jpg 575w, https:\/\/www.federfant.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/KalenderPersisch-169x300.jpg 169w, https:\/\/www.federfant.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/KalenderPersisch.jpg 719w\" sizes=\"auto, (max-width: 324px) 100vw, 324px\" \/>Persische Zahlen:<\/span><\/p>\n<p>\u06f1 &#8211; 1<\/p>\n<p>\u06f2 &#8211; 2<\/p>\n<p>\u06f3 &#8211; 3<\/p>\n<p>\u06f4 &#8211; 4<\/p>\n<p>\u06f5 &#8211; 5<\/p>\n<p>\u06f6 &#8211; 6<\/p>\n<p>\u06f7 &#8211; 7<\/p>\n<p>\u06f8 &#8211; 8<\/p>\n<p>\u06f9 &#8211; 9<\/p>\n<p>\u06f1\u06f0 &#8211; 10<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der zoroastrische Glauben basiert auf Zarathustra, der die Lehre des guten Denkens, des guten Redens und des guten Handelns entworfen hat. Trotz der islamischen Hauptreligion im Iran gibt es noch einige zoroastrischen Br\u00e4uche, die sich \u00fcber lange Zeit gehalten haben. Eine versprengte Gruppe findet sich noch im Westen Indiens, die ihre Herkunft auch explizit mit dem Iran verbinden (\u201eParsen\u201c). Insgesamt feiern allerdings 300 Millionen Menschen Norouz, besonders in der Schwarzmeerregion, dem Kaukasus, Zentralasien und dem Nahen Osten.<\/p>\n<p>Hier ein Bild von einem zoroastrischen Tempel in Yazd, weiterhin das Symbol, dass die drei zoroastrischen Tugenden (mit einem kleinen Schreibfehler) beschreibt:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-298 size-large\" src=\"http:\/\/www.federfant.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/IMG-20160405-WA0021-1024x768.jpg\" alt=\"IMG-20160405-WA0021\" width=\"1024\" height=\"768\" srcset=\"https:\/\/www.federfant.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/IMG-20160405-WA0021-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.federfant.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/IMG-20160405-WA0021-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.federfant.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/IMG-20160405-WA0021-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.federfant.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/IMG-20160405-WA0021.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-296\" src=\"http:\/\/www.federfant.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/Zoroastrier-300x263.png\" alt=\"Zoroastrier\" width=\"416\" height=\"364\" srcset=\"https:\/\/www.federfant.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/Zoroastrier-300x263.png 300w, https:\/\/www.federfant.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/Zoroastrier.png 516w\" sizes=\"auto, (max-width: 416px) 100vw, 416px\" \/><\/p>\n<p>Norouz stellt sich au\u00dferdem als der Grund heraus, warum ich mich schlussendlich entscheide in den Iran zu fliegen. Amon, ein Freund von Mahmoud aus dem Iran, der sich auf einem zwanzig-t\u00e4gigen Trip durch die T\u00fcrkei befindet und sich sp\u00e4ter als ein cooler Reisegef\u00e4hrte herausstellt, vermittelt mir den Flug und bucht ihn f\u00fcr mich bei einer iranischen Airline.<\/p>\n<p>Nach den Anschl\u00e4gen in Istanbul ist mein Sicherheitsgef\u00fchl etwas besch\u00e4digt. Obwohl sich Istanbul wirklich zu einem heimeligen Ort f\u00fcr mich entwickelt hat, da ich mit Mahmoud so gut auskomme und auch weiterhin Kontakt mit meinem ersten Couchsurfing Host habe. Doch meine Gedanken kreisen darum weiter zu ziehen, entweder an die n\u00f6rdliche K\u00fcste des schwarzen Meers oder an die s\u00fcd-westliche K\u00fcste um Izmir. Beides erscheint mir sehr interessant, da ich mein Zelt dort besser nutzen k\u00f6nnte und ich mich trampend fortbewegen k\u00f6nnte. Obwohl ich die Lust am Trampen etwas verloren habe, da es nur in Gl\u00fccksf\u00e4llen eine gemeinsame Sprache gibt. Das ist schade, da ein Hauptpunkt des Trampens f\u00fcr mich ist, mit Leuten mit verschiedenen Hintergr\u00fcnden ins Gespr\u00e4ch zu kommen. Au\u00dferdem ist der Weg wirklich sehr weit und das Casanovatum der T\u00fcrken hat sich mir noch nicht vollends erschlossen, als dass ich mir bedingungslos sicher f\u00fchlen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Alternative Nummer drei ist in den Iran zu trampen, quer durch die T\u00fcrkei. Obwohl mich auch da die erw\u00e4hnten \u00dcberlegungen einschr\u00e4nken w\u00fcrden. Ich k\u00f6nnte dann also am nord-westlichsten Zipfel des Irans das Land betreten. Mahmoud erz\u00e4hlt mir au\u00dferdem von einem Zug, der in den Iran f\u00fchre, doch als ich diesen googele, erhalte ich die Information, dass nach einem Angriff auf diesen Zug der Betrieb zun\u00e4chst eingestellt wurde. Mist.<\/p>\n<p>Doch dann ergibt sich die vierte Option: Amon, der Freund von Mahmoud, erz\u00e4hlt mir, dass ich auch einfach fliegen k\u00f6nnte, da die Fl\u00fcge gerade unfassbar billig sind. Da die Fluggesellschaft persisch ist, kann nur Amon f\u00fcr mich diesen Flug buchen, der 20 US$ kostet. Diese zwanzig Dollar \u00fcberzeugen mich direkt und nach einem Tag des Nachdenkens, entscheide ich mich mit Amon zu fliegen. Der Grund warum der Flug so g\u00fcnstig ist, ist Norouz. Denn in den zweiw\u00f6chigen Ferien die damit verbunden sind, verlassen viele Iraner den Iran um Urlaub zu machen. Die Flugzeuge zur\u00fcck in den Iran sind jedoch so gut wie leer. So kommt es dass die Tickets zu diesen g\u00fcnstigen Preisen verscherbelt werden. Schwein gehabt!<\/p>\n<p>Der Flug geht am Montag gegen eins. Ich verlasse mit Mahmoud morgens um acht das Haus, um sicher zu sein, dass ich den Weg finde. Die letzten Minuten mit Mahmoud sind sehr angenehm, ich versichere ihm zur\u00fcckzukommen und eine lange Umarmung bildet den vorl\u00e4ufigen Schlusspunkt unserer intensiven Begegnung. Ich bin sehr fr\u00fch am Flughafen nehme mir etwas Zeit zum schreiben und um den ersten Eindruck von den Iranern aufzusaugen, die in das selbe Flugzeug steigen werden wie ich.<\/p>\n<p>Nachdem ich eine Weile in der Schlange zum Check-In verbringe trifft endlich Amon ein, der mir mit einem Grinsen im Gesicht und ein paar Shoppingt\u00fcten sich zu mir in die Schlange stellt, eine Position die ich mir in den letzten 90 Minuten erk\u00e4mpft habe. Er hat dieses herzliche, leicht provokante Grinsen, dass ihn st\u00e4ndig begleitet und mit dem man ihm nichts \u00fcbel nehmen kann. Sein ge\u00f6ffnetes Hemd und der Haizahn, der beinahe in seiner Brustbehaarung verschwindet rufen hawaiianische Assoziationen hervor und er zelebriert diesen offenen Lebensstil bis zum bitteren Ende: Kurz bevor wir das Flugzeug betreten packt er mich am Arm, schaut mir in die Augen und sagt. \u201eLets get drunk! That is something I won\u2019t be able to do for a very long time.\u201c.<\/p>\n<p>Grinsend willige ich also ein im Duty-Free-Shop eine Weinflasche zu kaufen, die wir in der letzten halben Stunde vor unserem Flug gemeinsam leeren. Obwohl sich die H\u00e4rchen auf meinen Armen aufstellen, bei der Vorstellung, wie wir von den Iranern, die vor uns das Flugzeug betreten, betrachtet werden, mit der Flasche am Hals, scheint Amon dieser Au\u00dfenwahrnehmung gegen\u00fcber komplett gleichg\u00fcltig zu sein. Eine andere Facette von ihm, die ich in der Zeit in der wir sp\u00e4ter zusammen reisen werden sehr zu sch\u00e4tzen lernen werde. Wir geben der Flasche also den Rest und betreten das Flugzeug.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als wir unsere Pl\u00e4tze gefunden haben, und das Flugzeug kurz vorm Abheben ist f\u00e4ngt das Flugzeug an zu wackeln und durch meinen leichten Schwips, der den Anflug von \u00c4ngstlichkeit unterst\u00fctzt, nehme ich seine Hand. Er sagt, \u201eAnother thing that I won\u2019t be able to do in public for a long time.\u201c und grinst. W\u00e4hrend der ganzen Zeit, die wir gemeinsam verbringen, passiert nie mehr als das zwischen uns, was die Stimmung in freundschaftliche und herzliche Farben taucht.<\/p>\n<p>Als wir in Teheran ankommen, habe ich sogar die Chance seine Eltern zu treffen, die ihn vom Flughafen abholen um ihn mit nach Rasht zu nehmen, einer Stadt am kaspischen Meer. Sie sind so h\u00f6flich, mich zu meinem n\u00e4chsten Couchsurfer zu bringen. Und der Tag geht zu Ende, mit mir, immer noch leicht unf\u00e4hig zu begreifen, dass ich nun tats\u00e4chlich im Iran bin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom Neujahr Norouz erz\u00e4hlt mir Mahmoud, mein iranischer Couchsurfer in Istanbul, das erste Mal. Den Neujahrsmorgen verbringe ich mit ihm in seinem Apartment, er tanzt, ist froh und wir verbringen mit einem weiteren spanischen Couchsurfer und Amon den Neujahrsmorgen. Es ist ein Neujahrsfest, das im zoroastrischen Glauben verankert ist. 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