Wieso eigentlich Pause machen?

Im Herbst letzten Jahres, als ich das dritte Semester meines Studiums nach der Sommerpause wieder aufnahm, hatte ich das erste Mal dieses Gefühl. Ich startete wieder ins Studium und fühlte mich, als könnte ich ein belebendes Anhalten, eine befreitere Brust, ein abenteuerliches Anders gebrauchen. Die letzten Züge des Sommers saßen mir wohl noch in den Knochen, die viele freie Zeit und den freien Kopf, sie hatten mir diesen Duft in die Nase gesetzt, den Duft des wilden Abenteuers und des Tanzes außerhalb der Reihen.

Ich fasste also den Entschluss, das nächste Semester frei zu nehmen, wenigstens ein Praktikum zu machen und in meinem Hirn Platz für andere Brillen und Sichten zu machen.

Was das konkret bedeutet?

Vieles.

Ich konnte mir vorstellen, theoretisches Wissen in einer ausländischen Forschungseinrichtung umzusetzen. Ebenso könnte ich ein Praktikum machen, in einer politischen NGO, einem kulturellen Zentrum, einer Einrichtung für Start-Ups, einer humanitären Organisation mit Flüchtlingen.

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Ein weiterer Anspruch war, neue Leistungs- und Qualitätsmaßstäbe zu erleben. Im universitären Leben findet automatisch die implizite Vermittlung von Maßstäben statt. Schlau zu sein, stringent argumentieren zu können, Theorien verstehen und neu zusammen basteln, werden zu akzeptierten Zielen. Kommilitonen, die diese Ziele ebenso zielstrebig verfolgen, prägen dein Umfeld und dein eigenes Verständnis von Wert und Wichtigkeit. Wenn ich allerdings an die Stimmung denke, sich mit anderen Reisenden auszutauschen, die an so viele Orte wie möglich kommen möchten, so ungebunden und unabhängig wie möglich sein wollen. Dann ist das ein ähnliches Leistungssystem, was mir die Austauschbarkeit von Maßstäben, abhängig vom eigenen Umfeld sehr stark vor Augen führt. Um diesen Leistungsbegriff zu relativieren, wollte ich also erst einmal aus der bubble der Universität heraus.

Das Ziel, das sich aus diesen Gedanken herausschälte war: eigene Maßstäbe zu finden. Ich möchte nicht den Anspruch haben, mich von jeglicher Fremdbestimmung zu lösen, aber ich möchte herausfinden, wie ich leben möchte. Ich wollte also auch erstmal einfach nur Urlaub. Raus aus diesem Leistungskontext und rein in die formlose, erwartungslose und fließende Zeit!

Doch natürlich wurde mir bald klar, dass man das herausfordernde und das erwartungslose Leben nicht einfach von einander trennen konnte. Denn ein neues Ziel vom Reisengehen war: politische, kulturelle und historische Hintergründe der Reiseländer kennenlernen. Viel mit den Einheimischen reden, aber das Wissen auch mit Zeitungsartikeln ergänzen und fundieren. So bewegte sich der Reisegeist sehr schnell wieder in einer Erwartungshaltung. Doch die wird man wohl nie los.

Der letzte wichtige Aspekt, der meine Reiseentscheidung prägte, war, dass ich in anderen Ländern Erfahrungen mit Flüchtlingen sammeln wollte. Durch mein Engagement in Friedrichshafen war ich neugierig darauf, wie andere Länder, die ökonomisch sehr viel schwächer als Deutschland sind, mit Herausforderungen von Integration und Parallelgesellschaften umgehen. Eng damit verbunden war mein Wunsch, in einem muslimisch geprägten Land zu leben und mein (bisher noch sehr begrenztes) Arabisch zu verbessern.

Doch Wohin?

Meine Entscheidung viel auf eine größere Region, in der ich einerseits die Möglichkeit hatte Arabisch zu lernen, aber auch an die Grenzen Europas zu stoßen. Meine Reise sollte in Griechenland beginnen: auf der Insel Lesbos würde ich einen Monat Freiwilligendienst machen. Danach möchte ich einen Monat in Istanbul verbringen und den Rest der Reise von Wetter, Land und Leuten abhängig machen. Das klingt zunächst sehr banal und gleichgültig, doch in diesem Ausdruck liegt eine entscheidende Pointe, für mein Reisegefühl. Es ist mir sehr wichtig spontan zu sein und meinem Bauchgefühl auch in größeren Entscheidungen folgen zu können. Außerdem verschafft mir erst der Aufenthalt in einem Land eine größere Sicherheit, weil ich ein besseres Verständnis für die Region, die Menschen und die Normalitäten entwickeln kann. Weiterhin gibt es immer situative Faktoren, die man in seine Entscheidungen einbeziehen muss und das Reise- und Lebensgefühl grundsätzlich beeinflussen können. Diese Art, frei entscheiden zu können wann ich wo hingehen möchte, ist also geplante Planlosigkeit.

Was ich allerdings sicher weiß, ist, dass ich neben Griechenland und der Türkei auch Iran, Libanon, Israel und Jordanien bereisen möchte. Im Moment sieht es danach aus als müsste ich erst nach Israel und dann in den Iran einreisen (wegen Passstempelangelegenheiten), aber ich werde mich da auch vor Ort nochmal schlau machen.

Mir ist einerseits bewusst, dass diese Länder für Reisende eine große Herausforderung sind, aber andererseits reizt mich der Aspekt, dass es viele Meinungen und wenig Erfahrungswerte über Reisen in diesen Ländern gibt. Ähnlich ist das beim Trampen. Viele Menschen haben Angst davor und raten dir davon ab, aber die wenigsten haben wirklich eigene Erfahrungen. Und so ähnlich sehe ich es auch in den aufgeführten Ländern. Es gibt dort gefährliche politische Gruppen und brenzlige Situationen und doch findet unter diesem Schleier der Gefahr, den wir von außen vordergründig wahrnehmen, so viel Normalität und Alltag statt, dass die Mischung aus beidem mich so reizt, diese Länder näher kennenzulernen.

Also wieder zurück zum Anfang:

Eine Woche vor der Reise.

Heute ist der 23.Januar, die Planung sagt: Ich fahre am 1. Februar los Richtung Griechenland, habe sieben Tage Zeit um 2300 km zurückzulegen. Ich werde entweder trampen, oder Bus fahren. Entweder campen, oder couchsurfen.

Eine Woche vorher setzt der Bammel langsam ein, ich glaube gutes Wetter würde die Stimmung und die Vorfreude etwas heben. Doch im Moment gibt es hier in Berlin Minusgrade, Eis und Kälte und nur vereinzelt etwas aufmunternden Sonnenschein.

Trotz des schlechten Wetters gibt es sie immer wieder: die Momente, in denen ich aufgeregt bin, mich freue und ich gespannt in dieses ungewisse, schwarze Loch schaue und vor mich hin grinse. Viel kann ich mir jetzt noch nicht vorstellen, wenig werde ich kommen sehen können und nichts ist sicher.

Die Packliste steht, einige Erledigungen stehen noch an, aber grundsätzlich bin ich bereit.