01.02.16 Aufbruch

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Es ist der erste Tag, der Tag an dem es endlich beginnt. Doch statt Vorfreude fühle ich mich taub. Und doch ist diese Taubheit mit erwartungsvoller Spannung verbunden. Es ist eine Mischung daraus, es noch nicht ganz fassen zu können und sich der Sache nicht ganz sicher sein.

Heute werde ich losfahren und für mehrere Monate nicht mehr wiederkommen. Meine erste Station wird Lesbos sein, ich habe ein Woche Zeit dorthin zu trampen. 2300 Kilometer. Heute fängt es an. Doch wo? Und wie? Fängt die Reise hinter Friedrichshafen an? In Österreich? Sobald die Menschen kein deutsch mehr um mich herum sprechen? Ich kann es nicht sagen.

Mein erster Fahrer ist auch meine erste niederschlagende Erfahrung. Ich finde es hat eine gewisse Ironie: es ist wohl die scharfe Zunge des Schicksals, die meine Unsicherheit nicht ungenutzt lässt, um mir das Risiko das ich trage etwas anschaulicher vorzuführen. Er fährt ein getuntes Auto, sieht aus wie 35 ist aber eigentlich 50. Er fährt zum Pokerspielen, ich vermute eine verrauchte Spielhalle. Netterweise fährt er extra für mich einen Umweg und lässt mich an einer Tankstelle hinter Friedrichshafen raus. Kurz bevor ich aussteige sagt er: Wenn wir noch ne Nummer schieben, könnte ich dich auch nach Lindau bringen.

Igitt.

 

Ich bin total perplex, frage noch nach, was er denn jetzt damit bitte meint, doch als er es mit dem Wort Quickie präzisiert, wird mir wirklich fast schlecht und ich kann ihm nur sagen, wie ekelhaft ich das finde. Er nennt mich prüde und braust davon.

Ich stehe kurz bedröbbelt an der Tankstelle, fange mich und habe sogar einen kurzen ironischen Moment, wo ich über ihn lachen muss. Sowas passiert. Während ich mir schwöre niemals mehr in getunte Autos zu steigen, wird mir das Restrisiko des Unterfangens ergreifend bewusst. Egal wie viele getunte Autos ich in Zukunft vermeide, dieses Restrisiko ist niemals aus der Welt zu schaffen.

Ich quatsche einen Schüler in einem mattschwarzen BMW an, ob er in meine Richtung fährt. Er bringt mich zwar nur einige Kilometer, dafür kann ich mit ihm diese widerliche Erfahrung teilen. Es tut wirklich gut, sich räumlich von diesem Ort zu entfernen. Er ist sehr locker und genießt diesen spontanen, gemeinsamen Moment ebenso wie ich.

Später am Tag treffe ich an der Autobahnauffahrt nach München zwei weitere Tramper, es sind ein Zimmermann und eine Zimmerfrau mit einem verschmusten Hund im Schlepptau. Sie kommen aus einer ähnlichen Richtung wie ich, ich suche mir eine andere Stelle (mit Haltebucht) und fahre kurze Zeit später in Janniks Trekking Karre wieder an ihnen vorbei. Auch er liebt Abenteuerurlaub, fährt gerne mit seinem Auto und seinen Freunden zum wandern oder klettern. Er arbeitet als Messe-event-manager bei einem großen Getreidezulieferer und konzipiert Messestände. Die Fahrt bis kurz vor München geht schnell vorbei.

Eine grün geschminkte, herzliche lachende Frau und eine motorisierte Stadttour durch München später, lande ich auf einer großen Raststätte hinter München. Ich erspähe einen fetten weißen BMW, der ein Kennzeichen nach Ljubljana trägt. Ich wandere vor dem Auto auf und ab, versuche mir den Besitzer oder die Besitzerin vorzustellen und beschwöre mich, egal wie er oder sie aussieht, auf jeden Fall zu fragen, ob er oder sie mich mitnimmt. Während ich draußen rumstehe, erwärmt mich die Vorstellung, heute Nacht vielleicht schon in Slowenien zu sein. Das Auto der blonden, bebrillten Frau ist allerdings schon voll und entgegen dem Tipp, weiterhin Leute mit österreichischem oder slowakischem Kennzeichen anzusprechen, wandere ich an den Ausgang der Raststätte und halte in klassischer Manier meinen Daumen in den Wind.

Es ist nicht besonders viel Verkehr am Ausgang der Raststätte, trotzdem, hält ein kleines Auto schnell an. Eine blonde Frau, mit vollgestopftem Auto, kann mich bis nach Graz mitnehmen. Juhuu!

Wider dem ersten Eindruck, ist sie eine erfolgreiche Ärztin, die gerade ihren Job, der Leitung einer Klinik hingeschmissen hat. Wir haben eine lustige und sehr interessante Zeit auf dem Weg nach Graz, meinem heutigen Tagesziel. Ich bin meinem Ziel nun 600 Kilometer näher.

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Sie erzählt mir, dass sie das deutsche Gesundheitssystem zu durchökonomisiert findet, dass sie nun ein Sabbatical macht und ein Implantat entwickelt hat das sich „wie eine Sprudeltablette“ nach gewisser Zeit selbst auflöst. Sie hat lange in der Unfallchirurgie gearbeitet, sagt aber, dass sie trotzdem kein gestörtes Risikobewusstsein hat. Ihr Mann ist wie mein Vater Ingenieur und sie hat eine Tochter in meinem Alter, was glaube ich ihren Mutterinstinkt etwas triggert. Wir diskutieren über die Flüchtlingssituation in Deutschland und über ausländische Ärzte. Sie erzählt mir von der deutschenfeindlichen Haltung vieler Österreicher, während wir durch ein wunderschönes Bergpanorama fahren und zwei spiegelglatte Seen passieren. Ich habe außerdem gelernt, dass Österreich nur um die 8 Millionen Einwohner hat und Graz mit 250.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Österreichs ist, obwohl ich es auf meiner Karte die ganze Zeit übersehe. Um acht Uhr lässt sie mich einer Raststätte raus, wo ich die Nacht verbringen werde.

Nach der heutigen Erfahrung am Morgen hat sich meine leichte Paranoia vor LKW-Fahrern, mit denen ich vor kurzem noch guter Dinge mitgefahren bin, etwas verschlimmert. Ich versuche von den anwesenden LKWs und ihren Fahrern einfach nicht gesehen zu werden und wandere auf der Suche nach einem geeigneten Platz für mein Zeltchen an einem Fluss entlang. Es ist sehr spannend, wie man sein Gehör schult, wenn man sich im Dunkeln in der Natur befindet. Unter das Rauschen des Flusses mischen sich nämlich Geräusche, die wie ein entferntes Gespräch klingen. Doch nach kurzem Innehalten bin ich mir sicher, dass diese menschlichen Gesprächsfetzen wirklich zur Melodie des Flusses gehören und es bringt mich nicht mehr in Unruhe.

Ich versuchte den Fluss zu überqueren, weil die andere Seite perfekt vor fremden Blicken geschützt ist, doch nachdem ich einige Minuten über die nassen Felsen surfe, entscheide ich mich, dass das Risiko eines komplett durchnässten Körpers, bei einer kalten Nacht im Freien wirklich das letzte ist, was ich jetzt gebrauchen kann. Ich finde mich also mit der Unüberwindbarkeit des Flusses ab und verkrieche mich auf eine kleine Anhöhe zwischen die Bäume. Ich bin zwar relativ nah an den LKWs dran, doch ich fühle mich gut versteckt und bin mir immer noch sicher unbeobachtet zu sein. Ich baue also mein Zelt auf und werfe alle meine Sachen hinein.

Als die Unruhe von den vielen Geräuschen und den umliegenden LKWs nicht abflauen will, lege ich mich auf meine Isomatte, beobachte die Zeltwand und lausche den fremden Geräuschen, um mich mit ihnen vertraut zu machen. Von rechts hört man die Autobahn. Hinter mir höre ich vereinzelte Autotüren knallen und von links, hört man ein lautes Radio, was vermutlich in einer LKW-Führerkabine läuft. Später hört es auf.

Wenn die LKWs allerdings auf die Raststätte fahren, sehe ich an der rechten Fläche meines Zeltes flackerndes Licht.

Nach dieser Observation fühle ich mich viel ruhiger, vertrauter. Ich höre ein Stück Musik, es ist ein Kontrollverlust, weil ich das wichtige Hören für wenige Minuten aufgeben muss. Es heitert mich jedoch auch auf. Ich bin guter Dinge, morgen kann es weitergehen. Bevor ich schlafen gehe, befestige ich meinen Rucksack am Reißveschluss des Zeltes und lege das Pfefferspray in Reichweite.