IRC-Camp

Das IRC-Camp ist nach der Hilfsorganisation ‚International Rescue Council‘ benannt. Es ist eines der Camps, die an den Küsten der Insel verteilt sind und somit erste Auffangstation für die Flüchtlinge darstellen. Die geografische Lage des IRC-Camps ist leicht verzwickt. Es versucht sich in die grobe Struktur des nördlichen Küstenstreifens einzufinden, ist jedoch eingeklemmt in einem schmalen Tal und meistens umtost von heftigem Wind. Die blökende Schafherde, welche die weiße Zeltansammlung einrahmt, verstärkt den Eindruck einer widerwilligen Koexistenz. Das Camp ist über die sogenannte „Dirtroad“ zu erreichen, einer staubigen Huckelpiste, auf der die örtlichen Rentalcars nicht mehr versichert sind und auch die UNHCR-Busse nicht fahren können. Die Lage des Camps ist für den Tourismus auf der Insel vorteilhaft, da es gut versteckt ist, unvorteilhaft ist jedoch die schlechte Anbindung, die mit logistischen Herausforderungen verbunden ist.
An diesem Camp lässt sich sehr gut illustrieren, wie die fragilen Strukturen auf der Insel den unberechenbaren Entwicklungen von Politik und Schmugglerstrategie ausgesetzt sind.
In dem Monat, in dem ich bei Starfish Freiwillige war, übernahm ich davon zwei Wochen Schichten in IRC. Die grundsätzliche Tendenz, dass im Norden zur Zeit nur noch sehr wenige Flüchtlinge ankommen und diese alle direkt zur südlich liegenden Stadt Mythilini gebracht werden, ist hier besonders stark zu beobachten. Das IRC Camp war in der Zeit wo ich dort war praktisch komplett vereinsamt. Jeden Tag hielten sich dort zwischen 20 und 40 Freiwillige von verschiedenen Organisationen auf, die auf Ankunft von Flüchtlingen warteten. Der Aufbau des Camps hat fünf Millionen Euro gekostet, das bergige Gebiet planieren, mit Schotter bedecken, große weiße Zelte mit Holzboden und Heizung, außerdem große Flachbildfernseher zu Informationszwecken aufstellen.
Über die Sinnhaftigkeit dieses Camps möchte ich an dieser Stelle auf keinen Fall urteilen, da die Situation vor wenigen Monaten noch komplett anders aussah und das Ziel, ein etabliertes, gut ausgestattetes Camp aufzubauen, sehr logisch erschien. Und doch merkt man, dass diese Camps, die ihre Zeit brauchen um geplant und hochgezogen zu werden, ein unerlässliches Maß an Spontanität und Flexibilität einbüßen.
Die ersten Camps, die errichtet wurden um die vielen ankommenden Menschen zu versorgen waren höchst provisorisch. So auch das Camp OXY, das im Spätsommer 2015 zwischen Molyvos und Petra aufgebaut wurde. Wo kriegen wir große Zelte her? Wie können wir so viele Menschen wie möglich versorgen? Wer bringt uns das Essen? Welche Örtlichkeit können wir benutzen ohne rechtliche Probleme zu bekommen?
Das alles sind Fragen, mit denen Menschen konfrontiert waren, die aus verschiedenen Hintergründen, aus zahlreichen Ländern nach Lesvos kamen um humanitäre Hilfe zu leisten. Freiwillige, unbedarfte Menschen wie ich und du. Jeder dieser Menschen brachte zwar eigene Erfahrungen mit, doch das Unterfangen ein Camp mit einer Aufnahmekapazität von mehreren Tausend Menschen aufzubauen und zum Funktionieren zu bringen, erscheint für Erfahrungslose doch wie eine Mammutaufgabe.
Doch dieses Lernen „from scratch“, „learning by doing“, „trial and error“, war für das Gelingen dieser Aufgabe ebenso wichtig. Die Freiwilligen wuchsen so in ihre Aufgaben, erkannten die Probleme und lernten sie zu umgehen. Ein solcher Prozess dauert natürlich, ist am Ende jedoch sehr gut auf die Gegebenheiten der örtlichen Situation angepasst. Den Locals, die sich dem Problem spontan annehmen, bleibt nichts anders als diesen Weg zu gehen. Und doch frage ich mich immer noch ob dieser Weg des Wachsens und Lernens unausweichlich  ist, oder ob es möglich ist, Wissen und Erfahrungen von ähnlichen Situationen auf diese Überforderungssituationen zu übertragen. Wenn wir die Leute, die diese Arbeit schon in anderen Flüchtlingskontexten gestemmt haben, diese ganzen Prozesse schon mal durchlaufen haben, wenn wir diese Träger von Erfahrungen und Wissen einfach in neuen und doch alten Situationen einsetzen, würde uns doch eine Menge Zeit erspart. Es muss doch effektiver und zielführender sein, erfahrene Leute in diesen Situationen der Ahnungslosigkeit einzusetzen.
Doch erfahrene Leute sind dort, wo große Organisationen sind. Und große Organisationen sind nun mal schwerfällig. Sie sind durch Bürokratie und politische Mandate gebunden und deswegen unflexibel. Und Flexibilität ist besonders in den Situationen wichtig, in denen Räume aufgehen, die ein Macht- und Kontrollvakuum in sich bergen. In dieses Vakuum stechen dann (glücklicherweise) die unabhängigen Freiwilligen, die sich zügig in juristischen Strukturen wie Vereinen oder NGOs organisieren. Diese laufen dann durch den beschrieben Wachstumsprozess und sind in ihrer Reaktionsfähigkeit sehr viel agiler als größere Organisationen, weil sie ihre rechtlichen Strukturen und Grenzen erst langsam aufbauen.
Die Nachteile dieser Dynamik sind eben besonders am IRC-Camp zu beobachten. Die Reaktionsfähigkeit ist einfach zu lang, um adäquat reagieren zu können. Schon wandern die Flüchtlingsrouten von Norden nach Süden. In Zukunft möglicherweise gar nicht mehr über Lesvos, sondern über Norwegen.