Molyvos, die Touristen und die Einheimischen

 

Der erste Eindruck, der sich in Molyvos, am nördlichsten Zipfel von Lesvos, aufdrängt, ist der einer wunderschönen Gegend. Desto stärker stehen dazu die Herbstmonate des letzten Jahres im Widerspruch.

„Und dann waren da diese rotbackigen Touristen in dieser kleinen, historischen Eisenbahn, die quer durch die Stadt fuhren.“, erzählt mir Freja1, eine dänische Freiwillige, die sich schon im Oktober bei Starfish engagiert hat. Sie zeigt mir die Plätze im Ort, wo sich die ersten Camps gebildet haben. Eine Wiese mit alten Gemäuerresten, direkt am historischen Hafen. Der Inhaber des Grundstücks hatte sich über den Herbst widerwillig dazu bereit erklärt, das Grundstück zur Versorgung der ankommenden Flüchtlinge bereitzustellen. Dort wurden trockene Klamotten und Essen ausgegeben. Die erschöpften Ankömmlinge waren meist so ausgelaugt von der Reise, dass sie sich auf die Bürgersteige, Piermauern und Straßen von Molyvos legten um sich zu erholen.

„Dieser ganze Bürgersteig, eine einzige goldene Fläche.“, erzählt mir Freja. „Damals hatten wir noch nicht die grauen Decken von UNHCR, sondern hatten nur Erste-Hilfe-Wärmedecken.“. Diese Decken sind papierdünn, auf einer Seite silbern, auf der anderen golden. Ich habe mich schon immer gefragt, welche ausgefeilte Technik hinter diesen dünnen „Decken“ steckt. Wir stehen nun vor dem Café am Stadtrand und schauen den langen Bürgersteig entlang. Auf der anderen Straßenseite strömen Kinder aus der Schule, alles ist hier wieder normal.

Nachdem die Flüchtlinge hier, in der steinernen Stadt am Hügel angekommen sind, haben sie einen Fußmarsch von 60 Kilometern vor sich. Quer über die Insel. So war das jedenfalls im Herbst noch. Erst nach und nach entwickelte sich eine Infrastruktur von regelmäßig fahrenden Bussen von UNHCR und IRC (International Rescue Committee), welche die Flüchtlinge zum Fährhafen brachten. Der Marsch über die Insel wurde auf für die vielen Bewohner der Insel symbolisch. Eine nicht endende Linie von Menschen, zog sich über die Hauptstraßen der Insel. Viele versuchten die Reise für einige wenige zu erleichtern und brachten sie mit ihren privaten PKWs zum Hafen. Doch im Angesicht der vielen Menschen, die ein gleiches Maß an Zuwendung verdient hätten, fühlten sich viele der Situation hilflos ausgesetzt.

Hinzu kommt, dass der Tourismus in den letzten Jahren zwei Abwärtskurven erlebt hat, ausgelöst durch die gebeutelte nationale Wirtschaft und die rotbackigen Touristen, die sich ihren Urlaub in Zukunft wohl doch anders ausmalen. Ein weiterer Grund, warum die „Locals“ auch um ihre eigene Existenz besorgt sind.

Und doch ist man als Gast der tiefen Überzeugung, dass der Tourismus unweigerlich zurückkehren wird. In die steilen, gewundenen Straßen, in die große Burg und auf die Spitze des Berges, welcher den Blick auf die weiten blauen Flächen des Mittelmeers freigibt. Er muss wiederkommen, die Natur hier ist einfach zu schön.

Und natürlich ist da die Frage, ob die Insel weiterhin Transitzone für die Flüchtlinge bleibt. Es ist unberechenbar, wie sich die europäische Politik verändert, aber auch wie sich die Entscheidungen der Schlepper auswirken wird. Die Organisationen sind hier dieser allumfassenden Unsicherheit ausgesetzt und können nicht einmal sicher sein, dass sie im Sommer noch da sein werden. Oder wie Lucy, Mitglied des Orga-Teams, es formuliert: „Wie soll ich wissen was in zwei Monaten ist, wenn ich nicht mal weiß, was morgen passieren wird!“ Vielleicht hat sich bis dahin ja alles verändert, die Organisationen haben ihre Zelte abgerissen, die Freiwilligen sind aus den Cafés und Restaurants verschwunden und die rotbackigen Touristen können wieder ungestört dicke Schichten Sonnencreme auf ihrer wunden Haut verteilen. Solange das nicht so ist, wird weiter improvisiert!

 

 

 

1Ich habe die Namen geändert um die Privatsphäre zu waren und die Identifikation zu erschweren.