Abreise aus Lesvos, Griechenland

Der Tag beginnt lau und klar. Ich möchte die Insel umarmen, alle Freiwilligen und das Meer. Dieser Ort ist mir so vertraut geworden, die Menschen im und um den ‚Captains Table‘ wuchsen mir ans und ins Herz und werden dort wohl noch eine ganze Weile nachhallen.

Ein letztes Schachspiel, fröhliche Abschiedsumarmungen, dann geht die Reise los in den Süden der Insel.

Es ist der Tag bevor meine Fähre die Insel verlässt. Ich werde eine Nacht in einer anarchistischen Küche für Flüchtlinge namens „No borders kitchen“ verbringen und dann am Morgen die Fähre in die Türkei nehmen.

Farid, der jordanische Koordinator einer medizinischen Organisation in Lesvos, fährt einen großen Van und hat sich bereiterklärt mich zum Hafen zu bringen. Mit von der Partie ist ein Kerl aus Texas, der auch etwas im Süden zu erledigen hat. Zusammen quetschen wir uns auf die Vorderbank und Farid dreht seine jordanische Musik auf. Sofort kommen Bilder von jungen Scheichs in meinen Kopf, die staubige Wüsten mit ihren teuren Geländewagen durchqueren. Währenddessen hören sie diese tosende, rhythmische Musik, ziehen ihre Handbremsen für den nächsten Drift und grinsen selbstzufrieden. So wie Farid schaut, wenn er riskante Überholmanöver vollführt und uns rasend über die griechischen Hügel bringt.

Trotz einiger Nahtoderlebnisse finde ich die Situation sehr witzig. Außerdem finde ich es interessant, wie einfach man so viel Zuhause mit auf Reisen nehmen kann. Wenn Farid so fährt und dabei die Musik hört, die er auch zuhause hört, kommt mir seine Welt auf einmal sehr nah. Auch als Mr. Texas seinen englischen Gangsterrap anschließt, befördert uns das in eine komplett andere Welt. Man sieht ihn mit seinen einst langen lockigen Haaren versteckt unter einer Kapuze und dicken Kopfhörern unter Straßenlaternen entlang laufen.

Nach einem letzten, wehmütigen Abschied, kaufe ich mir mein Fährticket und mache mich auf den Weg zum Anarchoverein.

No borders kitchen wird überwiegend von Deutschen betrieben, die offensichtlich alle aus der sehr linken Szene entsprungen sind. Es ist ein herzlicher Ort, die Flüchtlinge mischen sich unter die Freiwilligen. Es gibt viele kleine Baustellen, Seegras beseitigen, einen Steinofen bauen, kochen oder abwaschen. Außerdem gibt es eine Feuertonne zum aufwärmen. Ich finde eine Schachpartnerin, die sich wegen eines Unfalls leider gerade nicht bewegen kann und deswegen mit großem Vergnügen eine Runde mit mir spielt.

Ein Mann zeigt mir später ein kleines Zelt in dem ich übernachten kann. Meine zweite Nacht im Zelt fällt durch die disfunktionale Plane über meinem Schlafplatz leider sehr feucht aus. Leicht knitterig mache ich mich also um acht Uhr morgens auf den Weg zu meiner Fähre.

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