Verliebt in Istanbul

An dem Abend, an dem ich Mahmoud das erste Mal treffe, verliebe ich mich auch das erste Mal in die Stadt. Obwohl ich viel zu spät komme, ist er sehr höflich.

Er stellt mir seinen Freund vor, den er beim Tarspielen (türkische Trommel) kennengelernt hat. Wir setzen uns zusammen in ein verwinkeltes Café, das sich in den Hinterstraßen der İstiklal Caddesi entfaltet. Wir zelebrieren gemeinsam die türkische Kultur des Schwarzteetrinkens und Mahmoud erzählt mir die ersten Geschichten über den Iran.

Er kommt aus dem Nordwesten des Irans, einer Region in der die Aserbaidschaner (Azeri), sowie die Türken, allgegenwärtig sind, ihre eigenen Sprachen sprechen und sich trotzdem als Iraner begreifen. Aserbaidschanisch ist so nah am Türkischen, dass es ihm einfach fiel Türkisch zu lernen. Und er lebt nun schon seit einigen Jahren in Istanbul. Auf den Untertassen des türkischen Tees lässt sich immer ein kleiner Löffel finden. Die Bewegung des Teeumrührens funktioniert auch in der Luft sehr gut als Bestellungszeichen. Jeder Kellner weiß sofort was man meint.

Im Iran wäre das nicht so einfach. Denn während man hier die Zuckerstücke in das bauchige Gläschen wirft, nehmen die Iraner die matten Zuckerwürfel in den Mund und lassen das heiße Wasser den Quader umspülen, bis er sich langsam zersetzt. Den Löffel sucht man also vergeblich.

Das erzählt mir Mahmoud im Café Ada. Nach seinen Umschreibungen sucht man auch den Zucker auf dem Tisch vergeblich, da er im Iran scheinbar in dicken Schalen von der Decke hängt. Eine schöne Vorstellung. Der nach oben gerichtete, abenteuerliche Griff in eine Schale voller Zuckerwürfel.

Nachdem sich Mahmoud eine Weile mit mir unterhalten hat melde ich mich für einen kleinen Spaziergang ab um den beiden alten Freunden ein bisschen Zeit für sich zu geben.

In der Gegend um den berüchtigten Taksimsquare habe ich mich bisher noch nicht rumgetrieben (abgesehen von dem verkorksten Abend mit Couchsurfinghost No.2), obwohl es, wie auf den ersten Blick ersichtlich, eine der belebtesten und pulsierensten Regionen der Stadt ist. Nicht nur auf der Hauptstraße, sondern auch in den Nebenstraßen und Hintergassen dampfen die Fritteusen, schwitzen die Köche und eilen die Kellner. Dieses Leben lässt sich im alleinigen Umherstreifen noch schöner begreifen, das Leben, das dort durch die offenen Fenster und Türen tropft und plätschert, lässt sich fröhlich aufsaugen im Beobachten und Dahingleiten.

Ich schlendere also die İstiklal Caddesi entlang und passiere riesige Konditoreien: große Berge von Nougat, rundlichen Schokobällchen und vielen weiteren Leckeren stapeln sich hier bald bis unter die Decke. Der Weg fällt ab in Richtung des Wassers und die gewundene Straße mit den erleuchteten Läden, die Porzellan, Stoffe oder Klamotten verkaufen, packt mich sanft und zieht mich an sich. Der Galatatower reckt sich angeschienen in die Luft, als räckele er sich in der Aufmerksamkeit, die von dem strahlend-gelben Licht auf ihn gelenkt wird. Die umliegenden Bars sind gut gefüllt und die Wärmepilze, die die Luft unter den Marquisen erwärmen, schirmen die Plaudernden im Inneren von den Wandelnden im Draußen ab. Bedeckt ihre Gesichter mit einem rosigen Schimmer und lässt die Außenstehenden die frische Luft tiefer einatmen. Ich gehe also langsam wieder zurück, eine dreiviertel Stunde ist vergangen. Die beiden Männer haben schon ihre Jacken an und wir wenden uns gemeinsam zum Gehen.

 

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