07.02.16 Endlich – Ankunft auf Lesbos

Am Sonntag nehme ich aus Ayvalik die Fähre nach Lesbos. Ich bin meinem Ziel nun sehr nahe und mein ekstatisches Reisegefühl vermischt sich langsam mit der unberechenbaren Situation auf der Insel. Ich kann immer noch nicht einschätzen, was mich dort erwartet und bin dennoch sehr gespannt.

Die Fähre verlässt bei strahlendem Wetter und guter Sicht auf die umliegenden Inseln und Küstenzüge den Hafen. Nach eineinhalb Stunden erreichen wir Mitilini, die Hafenstadt von Lesbos. Die Organisation, für die ich mich angemeldet habe, liegt leider auf der anderen Seite der Insel: Landstraßenstrecke von 80 Kilometern. Es ist mittlerweile halb sechs und wird langsam dunkel. Bisher bemerkt man nichts von einer größeren Anzahl von Flüchtlingen.

Am Hafen sehe ich jedoch mehrere Kleintransporter, die Verbindungen zu humanitären Organisationen vermuten lassen. Kurz nach meiner Ankunft gabelt mich ein Mann auf, der beim Danish Refugee Council arbeitet und mir erste Informationen gibt. In Moria, einer Stadt nahe Mitilini, wurde ein großes Registrierungszentrum eröffnet um einen Überblick über die eintreffenden Flüchtlinge zu bekommen. Er sagt, die Zustände seien dort zu Beginn desaströs gewesen, bis größere Organisationen wie das DRC und UNHCR strukturierende Arbeit leisteten und bis zu 2000 Schlafplätze schafften.

Er lässt mich nach ca. 10 km raus, macht mir jedoch noch ein freundliches Angebot: Er sagt, falls ich niemanden mehr finde der mich weiter mitnimmt könnte ich in das nah gelegene Freiwilligencamp gehen wo ich höchst wahrscheinlich ein Lager finden kann. Nach weiteren zwanzig Minuten rumstehen, entscheide ich mich für diese Option und mache mich auf den Weg, die beschriebene Straße entlang zu laufen.

Ich laufe eine ganze Weile und denke schon darüber nach mich einfach mit meinem Zelt in die Olivenhaine zu schlagen, als ein Auto anhält und die Fahrerin mich fragt, ob sie mich mitnehmen kann. Ich sage ja und frage gleich nach dem erwähnten Volunteercamp. Sie fahren dort hin und nehmen mich den restlichen Weg mit.

Ich krabbele einen Matschhügel hinauf um das Grundstück des Camps zu betreten. Es ist kein Volunteercamp, sondern ein zweigeteiltes Flüchtlingscamp, durch das alle durchmüssen, die weiterreisen möchten. Es laufen natürlich auch viele Volunteers herum und möglicherweise hätte ich hier einen Schlafplatz gefunden, wenn sich später nicht etwas anderes ergeben hätte.

Um die Grundstruktur der Grundstücks zu erläutern: einerseits liegt dort das stark gesicherte Registrierungscamp mit vielen großen Organisationen darin. Sie kümmern sich um Unterbringung, Klamotten, Essen, ärztliche Verpflegung und die Registrierung. Das Camp ist von einem hohen Zaun und Mauern umgeben, die Flüchtlinge können sich jedoch frei nach draußen bewegen. Das beweisen auch die zahlreichen Essenswagen, die vor dem Camp Essen und Sim-Karten verkaufen.

Ein zweiter Teil liegt außerhalb dieser Anlage. Der Bereich wird von der Organisation „Better days for Moria“ betrieben. Dort gibt es zunächst zwei öffentliche Pavillions, ein Information-tent und ein Tea-tent. Neben diesen beiden Orten wo sich Freiwillige und Flüchtlinge aufhalten gibt es außerdem noch das Klamottenzelt. Dort werden die Kleiderspenden sortiert und gesammelt und gegebenenfalls an die Flüchtlinge verteilt. Dieses Camp beherbergt hauptsächlich die Flüchtlinge, die nicht im Registrierungscamp aufgenommen werden. Vordergründig sind das Flüchtlinge aus Marokko, Iran, Algerien und Pakistan. Sie werden zwar registriert, kommen an der mazedonischen Grenze aber nicht über die Grenze. Ich bin bisher noch nicht dahinter gekommen, was diese Registrierung bedeutet, aber wenn sie ausschlaggebend für die Weiterreise ist, scheint sie ziemlich wichtig. So kommt es, dass die Flüchtlinge des äußeren Camps sich bei BDFM freiwillig melden und im Tea-tent oder bei der Kleiderausgabe helfen. Andere verschwinden in den Olivenhainen oder reisen weiter nach Athen. Eine Freiwillige erzählt mir, dass sich dort große Gemeinden der entsprechenden Nationalitäten bilden und es vereinzelt zu Gewalttaten durch griechische Neofaschisten kommt.

Es ist sehr schwierig durch die politischen Strukturen von Verantwortlichkeiten und Aufgaben der beiden Camps durchzusteigen. Viele Freiwillige haben selbst keine Ahnung oder sind selbst erst einige Tage hier. Spannend ist allerdings, dass viele neue Organisationen von lokalen Bürgern gegründet werden, die sich bestimmten Problemen annehmen, die aufkommen. So zum Beispiel die Dirty Girls. Die Klamotten und Schuhe waschen, damit diese verwendet werden können und nicht weggeschmissen werden. Ich möchte die Strukturen des Camps weiterhin besser verstehen und hoffe bald mehr darüber schreiben zu können.

Die Nacht des Sonntags verbringe ich im Apartment eines Amerikaners den ich im Tea-tent kennenlerne und der mir offenherzig eines seiner zwei weiteren Betten in seinem Apartment anbietet. Ich nehme gerne an und freue mich, dass ich doch nicht in der frierenden Kälte campieren muss. Denn obwohl das Wetter so schön ist, sind die Nächte sehr kalt und teilweise gibt es Frost.